Struktur und Funktion handlungsbegleitender Sprache beim schlußfolgernden Denken
Anke Werani

Die Erforschung des Zusammenhangs von Sprache und Denken hat eine lange Tradition und ist nach wie vor Gegenstand der aktuellen psycholinguistischen Forschung. Ferner gilt die Frage nach dem Verhältnis zwischen Sprache und Denken als eine der schwierigsten im Rahmen der experimentellen Psychologie, und es ist überaus problematisch, systematische experimentelle Ansätze zu finden. Diese Thematik berührt eine ganze Reihe benachbarter und angrenzender Gebiete der Psycholinguistik und stellt somit eine interdisziplinäre Fragestellung dar. Es fließen Ergebnisse aus der Psycholinguistik, der Psychologie, der Linguistik und der Philosophie zusammen. Im folgenden soll ein Untersuchungsansatz zu dieser Thematik vorgestellt werden.

Ziele

Es soll gelingen, aus experimentell gewonnenen Ergebnissen eine Theorie über die Struktur und Funktion der handlungsbegleitenden Sprache bei Problemlöseprozessen zu erstellen. Ausgehend von diesen Daten soll über Aspekte der inneren Sprache spekuliert werden.

Konzeption

Die Betrachtung von Sprache und Denken als ausgebildetes "System" beim Erwachsenen kann nicht ohne die Betrachtung des "Entwicklungsprozesses" bei Kindern geschehen. Aus diesen Entwicklungsprozessen entfalten sich grundlegende Überlegungen der vorliegenden Arbeit.
Zentrale Aspekte der Sprach- und Kognitionsentwicklung stellen die Begriffsentwicklung und der Übergang von der egozentrischen Sprache zur innere Sprache dar. Bei der Begriffsentwicklung spielen die Prozesse der Synthese und der Analyse eine wichtige Rolle. Diese Prozesse treten auch später bei den individuellen Denkstrategien auf und werden vor allem hinsichtlich des beobachteten Problemlöseverhaltens und der Frage, inwiefern sich gute Problemlöser von schlechten unterscheiden, betrachtet. Die Begriffsystematik an sich führt zur Entfaltung des Weltwissens. Eine genauere Betrachtung des Weltwissens aufgrund der Aufgabenstellung kann vernachläßigt werden. Es werden Aufgaben verwendet, für die im engeren Sinne kein Weltwissen benötigt wird. Der Problemlöseprozeß wird auf diese Weise vom allgemeinen Weltwissen abstrahiert.
Wesentlich für die vorliegende Betrachtung ist die Ausbildung der handlungsbegleitenden Sprache und ihre Rolle beim Problemlösen. Der handlungsbegleitenden Sprache wird vor allem eine selbstregulative Funktion zugeschrieben, die beim Problemlösen eine wichtige Rolle spielt. Auch hier ist von Interesse, welche Struktur dieses selbstregulierende Verhalten aufweist und ob sich günstige von weniger günstigen sprachlichen Strukturen unterscheiden.

Das im Mittelpunkt stehende experimentelle Vorgehen bedient sich der Methode des lauten Denkens. Die Versuchspersonen produzieren während des Problemlöseprozesses handlungsbegleitende Sprache, die als Indiz für die innere Sprache interpretiert werden soll. Die gewonnenen Daten werden einer quantitativen und einer qualitativen Analyse unterzogen. Mit der quantitativen Analyse sollen Anteile der handlungsbegleitenden Sprache an bestimmten Aufgaben betrachtet werden. Vermutet wird, daß sich bei einem nonverbalen Test visuell lösbare Aufgaben von verbal zu lösenden Aufgaben unterscheiden lassen. Dieser interessante Aspekt, im Rahmen eines nonverbalen Tests, verbal zu lösende Aufgaben zu identifizieren, wirft ein neues Licht auf die Struktur solcher Tests. Die quantitative Auswertung befaßt sich mit der Analyse von Struktur und Funktion der handlungsbegleitenden Sprache.