Sprachsignalinvertierung zur Prüfung der Zeitverarbeitung
Gerd Kegel

 

1. Anmerkungen zum Status der Ordnungsschwelle

Die Bestimmung der Ordnungsschwelle wird seit einiger Zeit als diagnostisches Instrument bei Sprachstörungen eingesetzt, wenn ebenfalls eine Störung der Zeitverarbeitung zu vermuten ist. Darüber hinaus wurden Trainingsverfahren zur Herabsetzung der Ordnungsschwelle entwickelt. Diese Verfahren verbinden sich mit der Erwartung, daß eine Normalisierung der Ordnungsschwelle eine Minderung der Sprachstörung bewirkt. Nun ist der Status der Ordnungsschwelle in Hinsicht auf Sprachentwicklung und Sprachverarbeitung aber in vieler Hinsicht unklar. Noch nicht endgültig beantwortet ist die Frage, ob die Ordnungsschwelle eine interne Sprachsignalsegmentierung auf der untersten Ebene mißt. Diese Frage ist aber grundlegend für die Weiterentwicklung diagnostischer und therapeutischer Verfahren (vgl. Kegel 1988).

Zunächst kann festgehalten werden:

Die Heranziehung des Ordnungsschwellenwertes als diagnostische Größe ist in vielen Fällen sicher sinnvoll. Eine ganz andere Frage stellt die Entscheidung für ein therapeutisches Verfahren dar. Die Zeitverarbeitungsebenen sind nach unseren Ergebnissen keine isolierten, sondern interagierende Systeme. Nach unseren bisherigen Erfahrungen zieht ein erfolgreicher therapeutischer Zugriff auf eine Ebene auch Verbesserungen auf den anderen Ebenen nach sich. Die folgende Tabelle gibt einen kurzen Überblick zu den Zeitverarbeitungsebenen und den zugeordneten Sprachverarbeitungsebenen.

 
Zeitverarbeitung
Takt-Rate
Sprachverarbeitung
Ordnungsebene
20 - 40 msec
Merkmale von Lauten
Strukturierungsebene
einige 100 msec
Silben und Wörter
Integrationsebene
etwa 3 sec
Teilsätze und Sätze

 
Bevor die Verfahren zum direkten Training der Ordnungsschwelle, die für Patienten ja durchaus anstrengend sind, weiter ausgebaut werden, sollte der Zusammenhang von Ordnungsschwelle und Sprachverarbeitung gründlicher erforscht werden. Es kann nicht mit Selbstverständlichkeit angenommen werden, daß die Ordnungsschwelle - etwa gedacht als eine Art Oszillator oder Metronom - das Sprachsignal in eine Zeitfolge von Segmenten zerteilt. Diesem Gedanken folgend würde z. B. ein Ordnungsschwellenwert von 30 msec das Sprachsignal in Segmente dieser Dauer zerlegen. Sprachliche Ereignisse müßten in verschiedenen Segmenten auftreten, damit sie als einander zeitlich folgend verarbeitet werden könnten. Zur Klärung dieser Frage bedarf es eines Verfahrens, daß ausgehend vom Konzept der Ordnungsschwelle direkt auf die Sprachverarbeitung zugreift.

 

2. Erläuterung des bisherigen Invertierungsverfahrens

Das Signalinvertierungsverfahren wurde von Kegel entwickelt und von Mitarbeitern des Faches experimentell geprüft (vgl. u. a. Kegel 1996, Steffen & Werani 1994). Das Verfahren geht von den folgenden, bis dahin keineswegs geklärten Voraussetzungen aus:

Aus diesen Voraussetzungen ergibt sich nun der sehr einfache Grundgedanke des Verfahrens zur Signalinvertierung und des hierfür geschriebenen Programms:

Das Verfahren führt zu dem in der folgenden Abbildung gezeigten Ergebnis. Das Oszillogramm stellt das Eingangs- und das Ausgangssignal der ersten 100 msec der Wortes KAMM dar. Gewählt wurde hier eine Segmentdauer von 20 msec. Für das Eingangssignal zeigen Segment 1 und 2 den Plosiv, Segment 3 die Einschwingphase vom Plosiv zum Vokal und Segment 4 und 5 die ersten klaren Vokalschwingungen. Gut erkennbar ist hier, daß sich das Ausgangssignal vom Eingangssignal deutlich unterscheidet.

 

Darstellung der Signalinvertierung - 9887 Bytes

 
Das Verfahren zur Invertierung von Sprachsignalen hat in der Vergangenheit zu Mißverständnissen geführt. Die Segmentinvertierung ist lediglich ein naheliegender Kunstgriff zur Zerstörung der segmentinternen Zeitlickeit. Keineswegs wird behauptet, daß bei der menschlichen Sprachverarbeitung derartige oder ähnliche Signalveränderungen ablaufen würden.

Zudem weist das Verfahren einige Nachteile auf:

Für die experimentelle Prüfung wurden die Knackgeräusche durch einige Signalbearbeitungstechniken gemindert (vgl. Steffen & Werani 1994). Die Artefakte wurden in Kauf genommen. Die Eingangssignale wurden zwischen 70 und 20 msec in Schritten von 10 msec segmentiert. Nach einigen Pilotstudien mit deutschem und chinesischem Sprachmaterial wurden in einem Experiment auch sinnlose Sätze und Ketten von Pseudowörtern geprüft. Dahinter stand die Frage, ob das Verfahren allein die Zeitverarbeitung kontrolliert oder ob semantische Strategien quasi ausgleichend auf die Verarbeitung des Ausgangssignals einwirken. Insgesamt zeigten sich folgende Ergebnisse:

 

3. Weiterentwicklung des Verfahrens

Um zu klaren Ergebnissen zu kommen, muß das Invertierungsverfahren überarbeitet werden:

 
Literatur

Kegel, G. (1994): Was kann die Spracherwerbsforschung aus der Sprachpathologieforschung lernen? Das Beispiel der Zeitverarbeitung. In: K. Ehlich (Hrsg.): Kindliche Sprachentwicklung. Opladen.
Kegel, G. (1998): Störungen der Sprach- und Zeitverarbeitung - Konsequenzen für Diagnose und Therapie. http://www.psycholinguistik.uni-muenchen.de/publ/stoer_sprach_zeit.html
Steffen, A. & Werani, A. (1996): Ein Experiment zur Zeitverarbeitung bei der Sprachwahrnehmung. In: G. Kegel et al. (Hrsg.): Sprechwissenschaft & Psycholinguistik 6. Opladen.