Sprechwissenschaft und Psycholinguistik an der LMU-München
www.psycholinguistik.uni-muenchen.de
Stand: Oktober 1998


Projekt: Gilgamesch
Maßnahme zum Abbau des zunehmenden funktionalen Analphabetismus bei Jugendlichen ohne Qualifizierenden Hauptschulabschluß und Ausbildungsplatz in der Großkommune München
Eine Kooperation der Ludwig-Maximilians-Universität und der Münchner Volkshochschule
Marie-Cécile Bertau

Funktionaler Analphabetismus ist in den Industrieländern lange verkannt und unterschätzt worden. Durch die strukturellen Veränderungen in der Arbeitswelt und im Bereich der Kommunikationstechnologien wird die Problematik erst in aller Schärfe deutlich. Personen, die dem erforderlichen Umfang an alphabetischen Fähigkeiten der Gesellschaft, in der sie leben, nicht genügen, sind nicht in der Lage, flexibel auf diese strukturellen Veränderungen zu reagieren.

Besonders brisant ist diese Problematik bei Jugendlichen. Jährlich verlassen ca. 70 000 von ihnen die Schule ohne Schulabschluß. In München geht das Schulreferat davon aus, daß allein im Schuljahr 1996/97 ca. 11% der Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse die Schule ohne Hauptschulabschluß verlassen haben. Das entspricht einer Anzahl von 250-300 Schüler. Es ist davon auszugehen, daß der größte Teil dieser Jugendlichen erhebliche Defizite im Lesen, Schreiben und Rechnen hat.

Jugendliche mit geringen Lese- und Schreibfertigkeiten stellen eine besondere Problemgruppe dar. Sie haben sie sich noch kein festes privates und berufliches Umfeld geschaffen, sondern sind in einer Phase des Übergangs in der es vor allem darum geht, seine Person herauszubilden und in Bezug zu Anderen zu setzen. Diese Phase ist klassischerweise verbunden mit einer Ausbildung, die zur Findung der sozialen Rolle beiträgt. Darüber hinaus dient die Ausbildung nicht nur dem Erlernen eines Berufs, sondern mit ihr und durch sie werden die in der Schule erworbenen Fähigkeiten eingeübt und vertieft.

Jungen Menschen ohne Schulabschluß ist daher der Weg zur individuellen und sozialen Seite ihrer Person auf mehrfache Weise versperrt. Sie haben keinen Zugang zu Ausbildungen, die ihnen ein selbständiges Erwerbsleben ermöglichen; ein bedeutsamer Aspekt ihrer Lebensphase findet nicht statt, womit die Jugendlichen zu Nichtteilnehmern werden (sie nehmen an den Entwicklungsaufgaben ihrer Altersgenossen nicht teil, sie nehmen an ihren gesellschaftlichen Aufgaben nicht teil); in diesem Zusammenhang muß darauf hingewiesen werden, daß ein Schulabschluß nicht nur aus ökonomischen Gesichtspunkten wichtig erscheint (um eine Ausbildung überhaupt anfangen zu können), sondern für junge Menschen natürlich auch zur eigenen Würde gehört; schließlich: das ohnehin bei solchen Jugendlichen instabile und lückenhafte Schulwissen zerfällt aufgrund des Mangels an Praxis. Damit ist für diese Gruppe die Gefahr des sekundären Analphabetismus sehr groß.

Projektidee

In München können Jugendliche ohne Schulabschluß u.a. den Hauptschulabschluß am Zweiten Bildungsweg der Volkshochschule nachholen, wofür sie zunächst einen Aufnahmetest bestehen müssen. Scheitern sie in diesem Test, der ihnen schriftliche Leistungen in Deutsch und Mathematik abverlangt, so können sie im Grunde nur immer wieder von vorn diesen Versuch starten. Sehr viel wahrscheinlicher ist, daß die anfangs motivierten Bewerber die Hoffnung auf einen Schulabschluß aufgeben.

Eine Grundidee des Projekts ist es, an dieser Stelle den gescheiterten Jugendlichen das Angebot zu unterbreiten, am Projekt als unterstützende und fördernde Maßnahme teilzunehmen. Danach können sie (unter Umständen ohne nochmaligen Aufnahmetest) in die reguläre Schulklasse des Zweiten Bildungswegs gelangen, wo sie weiterhin begleitet werden. Diese Form der über die eigentliche Förderung hinausgehenden Unterstützung, und zwar durch die selbe(n) Person(en), ist innovativ. Es wird damit ein Zusammenhang gesetzt zwischen der individuellen Förderzeit und der leistungszentrierten Schulzeit, die ermöglicht, das dort Gelernte hier anzuwenden. Damit wird dem bekannten Problem des Transfers von Gelerntem begegnet.

Das Projekt arbeitet von vornherein eng mit dem Zweiten Bildungsweg zusammen und fügt sich in eine bestehende Lücke ein. Den Jugendlichen wird eine Brücke zum regulären Hauptschulabschluß gebaut. Die Zusammenarbeit mit den Praktikern des Zweiten Bildungswegs beschränkt sich nicht auf die Vermittlung der Jugendlichen: Die zweite Grundidee des Projekts ist es, Theorie und Praxis wirkungsvoll miteinander zu verbinden. Denn das Projekt ist in seinem Inhalt und seiner Struktur aus einer wissenschaftlichen Perspektive entwickelt worden und wird nun in die Praxis getragen. Die Verbindung von Theorie und Praxis soll nicht nur im Projekt selbst Früchte tragen, sondern auch zum Austausch zwischen Bildungsinstitutionen beitragen (Universität - Volkshochschulen und andere Schulen). In Form von Workshops und Tagungen können die Methoden und Erfahrungen Pädagogen und Wissenschaftlern zugänglich gemacht und diskutiert werden.

Die beiden dargestellten Grundideen - Auffangen und Fördern motivierter Jugendlicher ohne Schulabschluß und Verbinden von Theorie und Praxis - sind innovativ. Bis jetzt existiert in München keine Möglichkeit, Jugendliche mit erfüllter Schulpflicht gezielt in den Grundfertigkeiten des Lesens, Schreibens und Rechnens zu fördern, wodurch sie den Weg zu einem anerkannten Schulabschluß finden können. In dieser Hinsicht stellt das Projekt eine völlig neue Möglichkeit für die Jugendlichen dar.

Die Verbindung von Theorie und Praxis erscheint angesichts des gravierenden Problems des funktionalen Analphabetismus geboten. Erfahrungen und Konzepte der unterrichtlichen Praxis sollten im Licht dieses Problems bedacht und diskutiert werden. Der Beitrag, den Wissenschaftler hierzu leisten können, besteht im Grundlagenwissen zum Schriftspracherwerb, mit welchen die Prozesse des Denkens und Sprechens eng verwoben sind. Innovativ ist das Bemühen, beide Diskussionen zusammenzuführen und für beide Seiten fruchtbar zu machen. Gemeinsam könnten Methoden entwickelt, diskutiert, erprobt werden. Damit könnte das Projekt zur immer wieder geforderten Interdisziplinarität beitragen.

Umsetzung
Ansatz

Lesen und Schreiben sind nicht bloße Techniken. Wichtig ist zum einen ihre kommunikative Dimension: Gemeint sind damit die Zwecke, denen sie in einer Gesellschaft dienen, und zwar sowohl privat als auch öffentlich. Also die Entwicklung der Person (Wissenserwerb, Kenntnis anderer Welten) ebenso wie die Teilnahme am öffentlichen Leben (politisch, kulturell). Zum anderen die kognitive Dimension: Schriftsprache strukturiert und organisiert das Denken in ganz bestimmter Weise. Man lernt Hierarchien, Abstraktionen, Verhältnisse. Außerdem wird eine Reflexion der eigenen Sprache eingeleitet.

Schrift ist also ein Werkzeug, um Informationen zu bekommen und weiterzugeben, sie ist aber auch ein Mittel der Strukturierung der Sprache und des Denkens. Wer alphabetisch lesen und schreiben lernt, lernt auch eine bestimmte Art und Weise der Sprachbetrachtung und der Organisation des Denkens. Davon ausgehend werden im Projekt nicht wie in einer Schule einzelne Fächer unterrichtet. Gegenstand des Unterrichts ist vielmehr die Sprache in ihren verschiedenen Formen: Sprechen, Hören, Schreiben, Lesen sowie das Denken selbst, nämlich als Problemlösen, Strategiewissen u.ä.m. Auch das Lernen zu lernen ist hierunter zu fassen. Hinzukommen: Mathematik und Rhythmik.

Rhythmik schult die differenzierte Wahrnehmung von Strukturen, Mustern und Folgen und ist daher eine wertvolle Unterstützung der sprachlichen Arbeit. Außerdem dient Rhythmik der Entspannung und Konzentration zugleich und schafft durch die Verbindung mit körperlicher Aktivität ein Gegengewicht zum übrigen Unterricht.

Ansatz für die didaktische Arbeit mit den Jugendlichen ist die Erkenntnis, daß nur vom Lernenden selbst aktiv konstruiertes Wissen stabiles, verfügbares und transferierbares Wissen ist, und daß bei dieser Wissenskonstruktion die Sprache als Mittel des Denkens eine wesentliche Rolle spielt. Die Sprache als Mittel des Denkens verweist auf die wichtige Rolle, die die Mündlichkeit im Projekt spielt.

Mündlichkeit zum einen als Dialog wichtig: zur sprachlichen Thematisierung und Fassung von Inhalten, von Arbeitsschritten, Schwierigkeiten, Lösungsmöglichkeiten. Mündlichkeit zum anderen als Zugang zur Schriftlichkeit: es wird an die Spracherfahrung der Jugendlichen anzuknüpfen sein; Sprachbewußtheit wird mündlich eingeleitet (wie spreche ich, wie andere, welche Situationen erfordern welches Sprechen, Sprachniveaus). Auch durch die Herangehensweise über die Mündlichkeit zeichnet sich das Projekt als innovativ aus.

Personal

Die Projektentwicklung und -leitung liegt bei Dr. Marie-Cécile Bertau.

Studium der Psycholinguistik, Sprachbehindertenpädagogik, Phonetik und Philosophie. Promotion in Psycholinguistik (1995). Lehrend tätig an der Ludwig-Maximilians-Universität München (für die Institute Psycholinguistik und Grundschulpädagogik); zeitweise Dozentin an der Münchner Volkshochschule. Seit einigen Jahren Beschäftigung mit dem Thema des funktionalen Analphabetismus. Aufbau des Projekts seit Herbst 1996.

Für den ersten und bisher einzig gesicherten Projektdurchlauf wurden die folgenden beiden Dozenten gewonnen:

Dozent für Mathematik: Rainhard Bengez. Studium der Mathematik, Philosophie und Wirtschaft. Langjährige Erfahrung in der Jugendarbeit.

Dozent für Rhythmik: Thomas Stötzer. Diplom-Percussionist, erfahrener Musikpädagoge, Musiker.

Organisatorische Formen

Der Rahmen des Projekts wird gebildet von der Kooperation, die im März 1997 zwischen der Sprechwissenschaft und Psycholinguistik am Institut für Phonetik und Sprachliche Kommunikation der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Abteilung Zweiter Bildungsweg der Münchner Volkshochschule vereinbart worden ist. Diese beiden Bildungsinstitutionen unterstützen das Projekt in ideeller, logistischer und finanzieller Form. Durch diese Kooperation findet sich die angestrebte Verbindung von Praxis und Theorie konkretisiert.

Die Projektarbeit selbst ist in Trimester gegliedert. Im ersten Projektdurchlauf besteht die Gruppe aus maximal 10 Teilnehmern und Teilnehmerinnen. In den ersten beiden Trimestern (September bis März) wird die Gruppe 4 Tage in der Woche à 5 Stunden unterrichtet. Im dritten Trimester (März bis Juli) leisten die Jugendlichen ihre Berufsschulpflicht in einem Block ab. Sie können dann wiederum im September in die reguläre 9. Klasse des Zweiten Bildungswegs eintreten. Hierbei werden sie von der Projektleiterin begleitet.

Finanzierung
Grundgedanke und aktueller Stand

Entsprechend seiner kooperativen Struktur gründet das Projekt auf einer Mischfinanzierung. Dies bedeutet für den ersten Projektdurchlauf (September 1998 - März 1999): Die Münchner Volkshochschule stellt das Unterrichtshonorar der Projektleiterin, die Ludwig-Maximilians-Universität stellt ihrerseits Räume, Sachmittel und Verwaltungskosten.

Darüber hinaus hat sich die Stadt München erfreulicherweise bereit erklärt, den Start und den ersten Durchlauf des Projekts durch eine Anschubfinanzierung in Höhe von DM 20 000.-- zu sichern. Von diesen Mitteln können der Mathematik- und der Rhythmikdozent, weitere Sachmittel, Supervision und die wissenschaftliche Begleitung durch die Projektleiterin bestritten werden.

Die Kosten des Projekts im ersten Durchlauf belaufen sich somit insgesamt auf etwa DM 40 000.--.

Sponsoring

Die oben beschriebene Mischfinanzierung soll nicht nur öffentliche Geldgeber einbeziehen. Vielmehr auch andere gesellschaftliche Kräfte (Unternehmen, Verlage, Stiftungen, Institutionen), die von unterschiedlichen Standpunkten aus an Bildung interessiert sind oder über diese neue Form der vernetzten Bildungsförderung zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen wollen.

Denn, wie auch die OECD schreibt, ist eine gute Grundbildung nicht nur notwendig zur gesellschaftlichen Teilnahme und zur Ausübung der bürgerlichen Rechte und Pflichten, sondern auch zum sozialen Zusammenhalt. Ein sich erweiternder Abstand zwischen `ungebildet' und `gebildet' wirkt sich negativ auf den sozialen Zusammenhalt in einer Gesellschaft aus.

Der Industrie ist übrigens die Problematik funktional analphabetischer Jugendlicher schon seit geraumer Zeit bekannt, da sie bis zu einem gewissen Ausmaß die Folgen mitzutragen hat. So führen namhafte Firmen systematisch Stützkurse in Deutsch und Mathematik für ihre Lehrlinge durch. (sz, 2./3.11.1996)

Mittel werden vor allem benötigt, um das Projekt auszubauen und weitere Laufzeiten zu ermöglichen. Sponsoren können sich mit Geld- oder Sachleistungen beteiligen, beide Formen sind herzlich willkommen. Die beiden Träger des Projekts, Ludwig-Maximilians-Universität und Münchner Volkshochschule, können ihre üblichen Sponsorenleistungen anbieten.

Kontakt

Ansprechpartnerin:

oder:

Ansprechpartner in der Münchner Volkshochschule:

Das Konto für die Projektmittel wurde an der Universität eingerichtet:

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