Auszug aus: Jürgen Messing (1999): Allgemeine Theorie des menschlichen Bewusstseins. Weidler Buchverlag Berlin
Der wache und aufmerksame Beobachter wartet nicht passiv zu, bis Reize an seinen Rezeptoren ankommen; er sucht sie aktiv. Er erforscht die gegebene Lichtsituation, horcht auf die vorhandenen Geräusche, geht Gerüchen nach, berührt Dinge usw. So wählt er das für ihn Wichtige aus und informiert sich darüber. Sogar gegenüber sich von außen aufdrängenden Reizen beginnt er sofort sie zu «manipulieren». Er wendet sich dem Licht ab oder zu. Er richtet sich nach Schallquellen und balanciert damit die Schallanteile für beide Ohren aus, er folgt der Nase, um eine Geruchsquelle zu finden, er weicht vor spitzen Gegenständen zurück und sucht nach weicheren Berührungsflächen usw. Auf diese Weise werden auch passiv einfallende Reize alsbald aktiv bewältigt.
Aktives Wahrnehmen vermittelt somit nicht nur Reize von außen, aus dem Lebensraum, sondern auch solche Reize, die sich das Individuum durch beabsichtigte Bewegungen und Aktionen selbst setzt. Der Reizeingang in das Nervensystem ist - kurz gesagt - aus zwei Komponenten zusammengesetzt: Entweder sind die Reize unabhängig vom Verhalten des Beobachters oder sie hängen mit den Bewegungen des Beobachters zusammen, mit den Augen-, den Kopfbewegungen oder den Bewegungen des ganzen Körpers.
Gibson, Die Sinne und der Prozess der Wahrnehmung 1
4___Überblick
Ein Kernproblem des Bewusstseins ist die Bestimmung des Verhältnisses von Aktivität, Wahrnehmung und Sprache. Dieses soll zunächst genauer bestimmt werden.
Wie ist unser Verhältnis zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit? Wie entstehen jene Einheiten des Bewusstseins in unserem Kopf, von Philosophen auch Qualia genannt, phänomenale Gegebenheiten eines Gegenstandes? Wie kommt es, dass wir, obwohl wir als Individuen alle die unterschiedlichsten Erfahrungen machen, uns darüber verständigen können? Wie kommt jenes „Allgemeine" in unserer Wahrnehmung zustande, über das wir uns auch sprachlich verständigen können, wo wir doch nur einzelne Erfahrungen haben können?
Es muss aufgezeigt werden, dass die in der Psychologie und Philosophie bis heute verbreitete Kolportage über den Wahrnehmungsprozess so viele Verkürzungen, problematische Reduktionen, das heißt am Ende unproduktive und zur Rekonstruktion des Ganzen untaugliche Abstraktionen beinhaltet, dass daraus ein Verständnis unserer bewussten Beziehung zur Welt als Wahrnehmung gar nicht möglich ist. Diese Abstraktionen werden bestimmt (Kap. 5 und 6).
Bei der Rekonstruktion der wirklichen Bedingungen von Wahrnehmung (Kap. 7) zeigt sich, dass menschliche Wahrnehmung nicht außerhalb der sozialen menschlichen Aktivität und nicht ohne Sprache verstanden werden kann. In einem weiteren Schritt wird die Entstehung von menschlicher Wahrnehmung und Sprache als Ontogenese des Bewusstseins rekonstruiert (Kap. 8) und zwei Folgen, einerseits hinsichtlich der Sprache (Kap. 9), andererseits hinsichtlich des Bewusstseins (Kap. 12-14) dargestellt.
5____Abstraktionen in den Wahrnehmungstheorien
"Es ist die alte Geschichte. Erst macht man Abstraktionen von den sinnlichen Dingen, und dann will man sie sinnlich erkennen, die Zeit sehn und den Raum riechen. Der Empiriker vertieft sich so sehr in die Gewohnheit des empirischen Erfahrens, dass er sich noch auf dem Gebiet des sinnlichen Erfahrens glaubt, wenn er mit Abstraktionen hantiert." Engels, Dialektik der Natur 2
Bis auf wenige Ausnahmen haben die psychologischen Wahrnehmungstheorien einen falschen Ausgangspunkt: Das wahrnehmende Subjekt wird passiv gesehen. Dadurch wird alles falsch. Dadurch wird Wahrnehmung nicht als emotional erkannt, nämlich dass sie wertet, weil sie, wie auch nicht gesehen wird, eine funktionale Rolle hat, nämlich dem Leben und Überleben von Menschen oder anderen Organismen dient. Und weiter sieht man nicht, dass Wahrnehmung in der gegenständlichen und sozialen Welt stattfindet. Entsprechend unterbestimmt missversteht man auch die Wahrnehmungssituation als kümmerlichen „Reiz".
Ähnliche Verkürzungen existieren auch hinsichtlich der Sprache. Sie wird meist nicht historisch oder ontogenetisch, sondern synchron untersucht; nicht als wirkliche Sprechbewegungen von Menschen, sondern als System abstrakter Zeichen, die Welt abbilden; strukturell, nicht, wozu sie dient, funktional. Und so ist es kaum verwunderlich, dass Unsicherheit herrscht, warum man eigentlich spricht. Als ob Sprache, wie zuweilen vermutet, als Ausdrucksbewegung einfach unser Denken und Handeln begleitet.
Um die vielen problematischen Abstraktionen aufzuheben, muss gezeigt werden, wie sich menschliche Wahrnehmung und Sprache gemeinsam und funktional unter realen Bedingungen menschlichen Lebens herausbilden. Wenn wir die Rolle der Sprache für die Wahrnehmung verstehen, verstehen wir menschliche Wahrnehmung als bewusste Wahrnehmung und damit, wie sich Bewusstsein organisiert.
Betrachtet man den von verschiedenen Theorien eröffneten Problemraum von Wahrnehmung, Denken und Sprache, so wurde er durch Vorannahmen über seine Gegenstände derart eingeengt, dass gewisse Problemstellungen aus ihm verschwanden - und ganz andere dafür entstanden. So hat man zum Beispiel das innere Erleben, das auch als bewusstes inneres Erleben das Bewusstsein beinhaltet und das bis heute meist in einer unzugänglichen „Black Box" stattfindet und dessen Beschreibung man nur aus der Introspektion als Methode erfahren konnte, aus methodologischen Erwägungen im über Jahrzehnte die Diskussion bestimmenden Behaviorismus ausgeklammert; man wollte die Psychologie als Naturwissenschaft. Das setzte die Beschränkung auf beobachtbare und in Experimenten reproduzierbare 3 Phänomene des Psychischen voraus. Hier gab es keinen Platz für die „Innenschau".
Wenn man aber auf diese Weise den Gegenstand der Psychologie auf beobachtbare Reize und Reaktionen beschränkt, so besteht die ganze Welt, wie sie in einer solchen Psychologie sichtbar wird, nur aus den in dieser Begrifflichkeit beschriebenen Phänomenen, zum Beispiel aus einem Reiz-Reaktions-Lernen - andere Formen des Lernens, zum Beispiel durch Beobachtung oder Imitation verschwanden aus der Sicht. Auf Grund der Ausgangsabstraktion wurde das menschliche Lernen so nur noch als Lernen von Reiz- und Reaktionszusammenhängen, nur als unspezifisches organismisches Verhalten analysiert. Wir können auf diese Weise beliebige Organismen in Experimenten untersuchen. Aber das Modell verliert die Besonderheit des Menschen aus der Sicht. Die Spezifik menschlicher psychischer Prozesse wird begrifflich nicht mehr erfasst. Es wird zu einem unspezifisch organismischen Modell des Psychischen. Und - wie gezeigt werden wird - handelt es sich beim behavioristisch verkannten „Reiz", als Ausgangspunkt des Psychischen, um eine Abstraktion, die jede sich darauf aufbauende psychologische Theorie entwertet. Ob das häufig gegebene Versprechen, dies sei nur eine erste Annäherung durch Ausgangsabstraktionen, die später aufgehoben werden sollen, irgendwann eingelöst wird, ist zweifelhaft. Meist geschieht es der Wissenschaft wie einem Individuum: Man ist zu phantastischen Hilfskonstruktionen bereit, bereit, sich viel vorzumachen, um nur die eigenen Hypothesen, Meinungen, Vorstellungen, Theorien nicht scheitern zu lassen, um nicht „ent-täuscht" zu werden: die eigenen Täuschungen aufgeben zu müssen. Wir lieben keine Ent-täuschungen. Eher sind wir bereit, in der Welt zu scheitern, als unsere Hypothesen, Einstellungen, Vorurteile, Täuschungen sterben zu lassen. „Wir sind nun einmal so!"
Damit taucht ein grundlegendes Problem unserer Erkenntnisprozesse auf, das darin begründet ist, dass wir, um einen Gegenstand zu beschreiben, Abstraktionen machen müssen. Wir müssen die „wesentlichen" von den „unwesentlichen" Momenten eines Gegenstandes trennen. Aber was ist „wesentlich" und was „unwesentlich" an unserem Gegenstand? Das teilt er uns nicht mit. Es ist auch die Frage unserer Absicht, was wir im einen oder anderen Fall am Gegenstand als wesentlich ansehen. Eine biologische Analyse und Abstraktion ergibt etwas anderes als eine chemische oder atomphysikalische. Ausgangspunkt ist also unsere Absicht. Für die beabsichtigte Modellbildung gilt jedoch: Es gibt unterschiedliche Formen der Abstraktion an einem Gegenstand - Abstraktion nach Elementen oder nach Teileinheiten. 4 Die Abstraktion nach Teileinheiten analysiert die entscheidenden Momente einer Einheit, aus denen sich das Ganze des zu modellierenden Gegenstandes in seiner besonderen Qualität wieder rekonstruieren lässt. Die Abstraktion nach Elementen ermöglicht keine dem Verständnis des Ganzen (auf dem beabsichtigten Niveau) dienende rekonstruktive Synthese des Gegenstandes mehr. Eine solche „letale" Abstraktion in Atome lässt Goethe seinen Mephisto im Faust I so beschreiben:
„Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist herauszutreiben,
Dann hat er die Teile in seiner Hand,
Fehlt leider! nur das geistige Band." 5
Das heißt, wenn ich in meiner Analyse eines Gegenstandes zu „tief" gehe, verliere ich die besondere Qualität eines Gegenstandes aus dem Blick. Wenn ich die Qualität von Wasser beschreiben will und Wasser in seine Elemente aufspalte, so ist zum Beispiel die Qualität „flüssig" aus der Bestimmung der Elemente, der Gase Wasserstoff und Sauerstoff, nicht erklärlich. Ich kann auch den lebendigen Menschen als Menge von Atomen, chemischen Elementen, beschreiben. Zweifellos besteht der Mensch aus Atomen, aber bei einer solchen Betrachtung verliere ich die besondere Qualität seines Lebens aus dem Auge, denn auch wenn er tot ist, besteht er noch aus den Atomen. Wenn ich den Menschen als Menge von Zellen beschreibe, erreiche ich schon seine Qualität als Lebewesen, aber er ist nur allgemein organismisch beschrieben, mit dem, was er sowohl mit Pflanzen, Einzellern wie mit Schimpansen gemeinsam hat.
In der Wahrnehmungspsychologie und der Erkenntnistheorie wird eine solche verkürzende Abstraktion zum Beispiel vorgenommen, wenn die menschliche Umwelt als physikalische oder chemische vorgestellt wird. Damit wird die Wahrnehmung unspezifisch, unter jedes organismische Niveau abstrahiert und damit verfehlt. Was der Mensch wahrnimmt sind keine senkrechten und waagrechten Linien, Wellenlängen von 484 Nanometer oder ein Schalldruck von 0,002 dyne/cm2 bei einer Frequenz von 321 Hz, sondern Gegenstände und Personen in Situationen und deren Aspekte als Farben, Formen, Geräusche, Sprache. Wenn ich den Ausgangspunkt zur Rekonstruktion menschlicher Wahrnehmung bei der so als „physikalisch" verkannten „Umwelt" nehme, ist es wirklich schwierig, am Ende wieder auf phänomenale Einheiten des menschlichen Bewusstseins zu kommen. 6 Hier setzen dann die philosophischen oder begrifflichen Zaubertricks ein, mit denen Theorien arbeiten, um die in der Abstraktion geschaffene „Phänomenlücke", die uns dann als „Erklärungslücke" verfolgt, magisch zu überbrücken. Beliebt als Lückenbüßer sind nativistische Annahmen wie „angeborene identische Kategorisierungen" oder „angeborene Spracherwerbsmechanismen", wie wir sie später noch diskutieren werden.
Die Kunst jeder Wissenschaft ist es, die jeweils entscheidenden Teileinheiten in einer „verständige[n] Abstraktion" 7 zu bestimmen, Einheiten, aus denen das Ganze eines Erkenntnisgegenstandes in seiner Bewegung rekonstruiert werden kann und aus denen er in der Fülle seiner Erscheinungen verständlich wird. Die Qualität einer Definition liegt darin, dass die zentralen, bestimmenden Einheiten eine wissenschaftlichen Gegenstandes erkannt werden. 8
In einer weiteren Abstraktion des Kognitivismus der letzten Jahrzehnte ging man davon aus, dass man psychische Prozesse nur im Computer simulieren brauche, um sie verstanden zu haben. Aber das auch hier zugrunde gelegte „Black-Box-Modell", in dem Wahrnehmung und Denken (und manchmal auch Emotion) als Computerprogramm simuliert werden und das in gewisser Weise die Fortsetzung des Behaviorismus darstellt, weil es seinen Dualismus einer strikten Trennung von Innen- und Außenwelt teilt, greift zu kurz. Es versucht, einen lebenden Organismus auf dem Niveau einer Maschine zu beschreiben. Wenn Psychisches als Programmierbares vollständig beschreibbar sein soll, verlieren wir in dieser Abstraktion die wesentliche Qualität alles Psychischen, in der es sich in der Evolution herausgebildet hat, nämlich die der Organisation funktionaler Beziehungen zur Welt: Ein Organismus braucht Psychisches, um seine Welt zu erkennen und zu verarbeiten, um in ihr überleben zu können. Psychisches hat eine Funktion für das Überleben. Gab es oder gibt es einen lernenden Computer, dem die Strafe drohte, keinen Strom mehr zu bekommen? 9
A. M. Turing (1950) hat in einem entscheidenden Aufsatz die Kriterien angegeben, die gelten sollen, um einem Computer die Qualität menschlicher Intelligenz zuzuschreiben. Und diese Kriterien kamen ohne Lernen oder Funktionalität aus: Der heute so genannte „Turing-Test" ist einfach durchzuführen: Wenn ein außen stehender Mensch aus der Art der Reaktionen auf seine Fragen nicht entscheiden kann, ob sich in einem Raum bzw. hinter einem Vorhang eine Maschine oder ein Mensch befindet und es sich um eine Maschine handelt, so muss man dieser Intelligenz zusprechen.
Im stürmischen Aufschwung der Computertechnik, mit steter Verdoppelung von Geschwindigkeit und Speichervermögen erwartete man ständig, dass der intelligente Computer, die sprachverstehende Maschine „im nächsten Frühjahr" herauskäme. Allein auf der Grundlage der syntaktischen Algorithmen wollte man „Künstliche Intelligenz" (KI) erzeugen. Diese Hoffnung reichte bis in die achtziger Jahre hinein: Man meinte, man müsse nur Regeln in die Maschine geben, um Intelligenz zu erzeugen. Leider musste man inzwischen feststellen, dass man selbst alles, was man dem Computer eingibt, schon sehr klar und systematisch verstanden haben muss, bevor er sich „intelligent" verhält. Im Computer „entsteht" keine Intelligenz, er fügt keine Intelligenz hinzu, er „hat" (sehr metaphorisch) nur die, die man ihm eingegeben hat. Vor allem der Kritiker der „Künstlichen Intelligenz-Forschung", Hubert L. Dreyfus, hatte schon lange darauf hingewiesen. 10
John R. Searle hat die Inadäquatheit der Computer-Simulation mit seinem Beispiel des Chinese-Room 11 in einer logischen Argumentation vorgeführt: Angenommen, man befände sich in einem Raum mit chinesischen Schriftzeichen auf Karten. Man hat ein Handbuch der Regeln, wie man sich zu verhalten hat, zur Verfügung. Es werden Karten mit chinesischen Schriftzeichen hereingereicht. Nun studiert man die Anweisungen in dem Handbuch, was bei gewissen Zeichen und Zeichenkombinationen zu tun sei, und reicht die im Programm geforderten Zeichen als Reaktion auf die hereingegebenen Zeichen aus dem Raum heraus. Auch wenn von außen der Eindruck entstehen kann, dass Maschine oder Individuum in diesem Raum chinesisch könnten - ist das, was der Insasse des Raums kann, nun Chinesisch? Es wird klar, dass zwischen dem Vollzug von Regeln und Anweisungen und dem Verstehen ein großer Unterschied besteht. Das, was ich in diesem Raum vollziehe oder was ein Computer vollzieht, ist die Ausführung eines syntaktischen Programms, aber das, was Verstehen ist, hat mit Semantik, mit Bedeutungen zu tun. Und Syntax ist nun einmal nicht Semantik.
Es ist interessant, dass sich schon Descartes (1637: 46f.) in seiner Weise mit dem Turing-Test beschäftigt hat, insofern er in einer Diskussion zur Unterscheidung der Fähigkeiten von „Automaten" und von Menschen zwei „recht gewisse Mittel" angibt, „um zu erkennen, dass sie darum noch nicht wahre Menschen wären". Zum einen gibt er an, dass die Maschinen die Worte nicht so kombinieren können wie Menschen, um Gedanken zu vermitteln; zum anderen sieht er ein Unterscheidungsmerkmal in der Unfähigkeit des Automaten, auf die verschiedensten Situationen so zu reagieren, wie ein vernunftbegabter Mensch.
Man musste sich also sagen lassen, dass es nicht reicht, einen Computer so zu programmieren, dass es den Anschein hat, als könne er denken. Verstehen und das, was man als Können von einem Menschen erwartet, ist von diesem Simulieren weit entfernt. Wie es Searle (1996: 36) fasst: „Die Simulation eines Geisteszustandes ist genau so wenig ein Geisteszustand wie die Simulation einer Explosion selbst eine Explosion ist."
Der Kognitivismus tut so, als ob es beim Verstehen des Psychischen nur auf die „Qualität" der Simulation ankäme: Aber selbst hier sind so viele Abstraktionen vorhanden, dass ein „Geisteszustand" oder ein Bewusstsein gar nicht simuliert werden könnten: Es stecken auch im Kognitivismus ähnliche Missverständnisse wie im Behaviorismus, die verhindern, menschliches Denken - über ein äußerlich ähnliches Verhalten, auf Grund eines Reizes hinaus - zu simulieren. Aber welche Abstraktionen liegen hier vor, die aufzuheben sind?
Eine falsche Grundannahme ist die, dass die Vorstellung der passiven Maschine auf den Menschen übertragbar sei, als eines passiven Individuums, das erwartet, dass es von Reizen getroffen wird und dann reagiert. Selbst Searle (1996: 37), der in scharfsinniger Weise die neuen Modelle des Bewusstseins analysiert und kritisiert, formuliert die Problemstellung so: „Gegenstände reflektieren Photonen, diese treffen auf Photorezeptorzellen der Retina, und dies setzt eine Abfolge neuronaler Abläufe in Gang, die - wenn es gut ausgeht - zu einem visuellen Erlebnis führen, das eine Wahrnehmung genau desjenigen Gegenstands ist, der ursprünglich die Photonen reflektiert hat." Oder: „Was genau spielt sich zwischen dem Aufprall der Reize auf unsere Rezeptoren und dem bewussten Erlebnis ab, und wie werden die Bewusstseinszustände im einzelnen von diesen Vorgängen verursacht?" (1996: 34)
Was soll daran falsch sein? Seit über zweitausend Jahren hat man wesentlich auf diese Weise gedacht. Falsch ist, den Ausgangspunkt beim passiven Individuum zu nehmen. In der europäischen Philosophie ist diese Vorstellung vom passiven Individuum seit Platon verankert, später durch John Locke (1689) und George Berkeley (1709) als Basis bekräftigt worden: Der wesentlich passive Mensch steht der Welt gegenüber. Erkenntnisaktivität ist allenfalls „geistige Aktivität" - kognitive oder neuronale Abbildungsprozesse, Repräsentationsprozesse - in moderner Sprache, keine praktische körperliche Tätigkeit.
Obwohl Platon 12 in seinem Höhlengleichnis eine andere Absicht verfolgt, nehmen wir es als Gleichnis, welche Gewalt wirklichen Menschen in ihrer Wahrnehmungsfähigkeit angetan werden müsste, um sie in den passiven "status homo psychologicus" zu versetzen:
„Sokrates. Stelle dir Menschen vor, in einer unterirdischen Wohnstätte mit lang nach aufwärts gestrecktem Eingang, entsprechend der Ausdehnung der Höhle; von Kind auf sind sie in dieser Höhle festgebannt, mit Fesseln an Schenkeln und Hals; sie bleiben also immer an der nämlichen Stelle und sehen nur geradeaus vor sich hin, durch die Fesseln gehindert, ihren Kopf herumzubewegen; von oben her aber aus der Ferne von rückwärts leuchtet ihnen ein Feuerschein; zwischen dem Feuer aber und den Gefesselten läuft oben ein Weg hin, längs dessen eine niedrige Mauer errichtet ist, ähnlich der Schranke, die die Gaukelkünstler vor den Zuschauern errichten, um über sie weg ihre Kunststücke zu zeigen.
Glaukon. Das steht mir alles vor Augen.
Sokrates. Längs dieser Mauer - so musst du dir nun es weiter vorstellen - tragen Menschen allerlei Gerätschaften vorbei, die über die Mauer hinausragen und Bildsäulen und andere steinerne und hölzerne Bilder und Menschenwerk verschiedenster Art, wobei wie begreiflich, die Vorübertragenden teils reden, teils schweigen.
Glaukon. Ein sonderbares Bild, das du da vorführst, und sonderbare Gestalten!
Sokrates. Nichts weiter als unseresgleichen. Denn können denn erstlich solche Gefesselten von sich selbst sowohl wie gegenseitig voneinander etwas anderes gesehen haben als die Schatten, die durch die Wirkung des Feuers auf die ihnen gegenüberliegende Wand der Höhle geworfen werden?
Glaukon. Wie wäre das möglich, wenn sie ihr lebelang den Kopf unbeweglich halten müssen?
Sokrates. Und ferner: Gilt von den vorübergetragenen Gegenständen nicht dasselbe?" 13
Es ist kein Wunder, dass die so dargestellte, aus der Passivität gewonnene Wahrnehmung des Menschen nicht „wahr" sein kann, dass sie gegenüber den eigentlichen geistigen Formen, Ideen, Begriffen unseres Geistes so beschränkt erscheint.
Aber wirkliche Menschen sind von Beginn an, selbst vor ihrer Geburt, Subjekte, das heißt, sie sind primär aktiv, sie verschaffen sich aktiv Informationen in der Umwelt und warten (meist) nicht darauf, dass sie von Reizen „getroffen" werden. Nimmt man das ernst, so ergibt sich hieraus eine entschieden andere Vorstellung von menschlicher Wahrnehmung, wie schon der zu Unrecht hinter dem „Information-Processing"-Trubel der siebziger Jahre wenig beachtete J. J. Gibson in: „The Senses Considered as Perceptual Systems" (1966) und „The Ecological Approach to Visual Perception" (1979) in radikaler Weise gezeigt hat. Kern unserer Täuschung über unsere Wahrnehmung ist das passive Individuum. In einer entscheidenden Reduktion lässt man den erkennenden Menschen seiner Umwelt gegenüber körperlich passiv sein. Angesichts der Tatsache, dass das Problem des Erkennens so kompliziert ist, hat man idealisiert. Man hat sich in der Wissenschaft vor der komplizierten Realität eines auch noch bewegten Individuums gedrückt. Für das aktive Individuum sind jedoch ganz andere und komplexere Reizangebote vorhanden als für einen passiven Beobachter, der Licht, „physikalische Reize", Photonen auf seine Netzhaut treffen lässt. Mit dem aktiven Individuum begründet sich ein Subjekt der Erkenntnis. Reduziert man die Wahrnehmung um die Aktivität, erscheint Subjektivität - ein wesentliches Moment des Bewusstseins - später stets als „geistiges" Produkt und kann dann nur noch als Schöpfung oder Emergenz verklärt werden. Nun, man versuchte einfach heranzugehen, mit dem Einfachen zu beginnen: Ein Reiz trifft die Netzhaut.
Auf die Netzhaut eines passiven Menschen trifft ein Reiz 14. Aber ebenso, wie das Ersteigen der ersten Stufe einer Leiter ein Schritt zum Mond ist, ist auch „ein Reiz" ein erster Schritt zum Verständnis der menschlichen Wahrnehmung. Und wie es so ist, melden sich manche Probleme, denen man ausgewichen ist, die man „zunächst" zurückgestellt hat, weil sie zu kompliziert sind, in der Entwicklung eines Individuums wie auch in der Wissenschaft immer wieder, bis sie wirklich gelöst werden. Heute muss man sich, nachdem man die entsprechenden Hinweise des Psychologen J. J. Gibson lange genug ignoriert hat, von Neurobiologen sagen lassen: „Tiere und Menschen verhalten sich zuerst, und danach bestimmt sich der Aufbau der sensorischen Welt" (Roth 1996: 320).
Wenn wir uns nun aber auch noch eingestehen, dass wir dann alle durch unser Verhalten neuronal die individuell unterschiedlichsten Wahrnehmungen und Erfahrungen mit der Welt haben, dann müssen wir einräumen, dass keine zwei Menschen die Welt jemals vom gleichen Standpunkt aus sehen und schon gar nicht über lange Zeiträume hinweg. So stellt sich die Frage, wie wir jenes „Gemeinsame" im Denken aufbauen können, das uns zumindest für die meisten Zwecke des Alltags hinreichend ermöglicht, uns darüber zu verständigen. Wie kommt es zu jenen postulierten „uns allen gemeinsamen Abbildungen" im Kopf? Überhaupt wird oft gefragt, wie die Welt in unseren Kopf kommt - muss sie das? Wo doch unser Kopf von Anbeginn in der Welt ist.
Das Problem wird besonders dann so groß, wenn wir uns die Trennung von Innen und Außen, von Geist und Körper, Leib und Seele, von Geist und Umwelt recht krass vorstellen. Wie schon erwähnt, hat dieses Denken seine uralten Wurzeln in der europäischen Denktradition, zum Beispiel im Cartesianismus. Descartes hat die strikte Trennung von Geist und Körper nahegelegt. Und diese Trennung geistert in vielen unserer Theorien herum. Er schreibt: „Aus dem allen erkannte ich, dass ich eine Substanz war, deren ganze Wesenheit oder Natur nur im Denken besteht und die, um zu sein, keines Ortes bedarf, noch auch von irgend einem materiellen Dinge abhängt. Es ist demnach dieses Ich, d.h. die Seele, durch die ich bin, was ich bin, von meinem Körper gänzlich verschieden (distinct) und selbst leichter zu erkennen, als er; und wenn es gleich keinen Körper gäbe, so würde ich trotzdem genau das bleiben, was sie ist" (Descartes 1637: 28).
Hat man in der einen oder anderen Weise erst einmal die Seele, das Psychische, mit Denken und Sprechen vom Körper getrennt, so müssen diesem „Psychischen" wunderbare Eigenschaften zugeschrieben werden, durch die wieder ein Zusammenhang mit der Welt hergestellt wird: „Angeborene Ideen" über die Welt - „natürliche Kategorisierungsprozesse", angeborene Sprachfähigkeiten 15, identische Wörterbücher im Gehirn 16 etc. All das, was die Aufgabe eines aktiven Menschen und seines Gehirns in der Welt ist, muss ihm, wenn man das Denken von seinem „Körper", dem Gehirn getrennt hat, als abstrakte Fähigkeit schon gegeben sein. Descartes: „Hieraus folgt dann, dass unsere Ideen oder Begriffe, da sie etwas Reales und von Gott stammendes sind, in all dem, worin sie klar und deutlich sind, wahr sein müssen" (1637: 32).
Aus der gleichen Trennung von Seele und Körper entsteht auch das in der gegenwärtigen Diskussion um das Bewusstsein so viel zitierte „Binding-Problem": Wie kommt es, dass im Gehirn die Eingänge aus den verschiedenen Sinnesorganen zu Repräsentationen im Gehirn zusammengefasst werden, die unsere einheitliche Erfahrung ergeben? Wir stellen uns das meist ganz einfach vor: Wir kategorisieren, sehen zumeist die Gegenstände der Welt in unserer Wahrnehmung schon hinreichend richtig und haben dann „Repräsentationen", Bilder, Vorstellungen der Gegenstände im Kopf. Diese Repräsentationen werden durch die Worte unserer Sprache benannt und stehen unserem Bewusstsein zur Verfügung.
Aber leider ist das alles nicht so einfach. Unaufgeklärt ist bis heute in der neurobiologischen Forschung, wie aus dem physischen, objektiven und quantitativ beschreibbaren Feuern hunderter oder tausender Neuronen qualitative, private, subjektive Erlebnisse entstehen. 17 Und weiter steht die Frage, wie aus den neuronalen „Eingängen" der Wahrnehmungssysteme, die dem Gehirn in jeder Situation mit über zwei Millionen Rezeptorzellen Informationen liefern, unsere „einheitliche" Wahrnehmung, zum Beispiel eines Gegenstandes, entsteht. Erklärungsversuche sind deshalb so kompliziert, weil die Neurophysiologen beschreiben, dass im Gehirn nicht eine Zusammenfassung der Eindrücke aus den Millionen Rezeptorzellen zu vielleicht einigen tausend bewusstseinsfähigen Eindrücken „verdrahtet" sind, sondern es umgekehrt aussieht, als ob die „Information" aus noch recht überschaubaren Millionen von Eingängen geradezu in den Milliarden und bis zu insgesamt einer Billion Neuronen „versickert". So „stehen den zweimal dreitausend inneren Haarzellen des Innenohres schätzungsweise hundert Milliarden zentrale Neurone zur Verarbeitung auditorischer Information gegenüber" (Roth 1996: 124), die dann teilweise gleichzeitig an der visuellen Verarbeitung beteiligt sind, bei der die Information aus zwei Millionen Ganglienzellen der Netzhaut über die verschiedenen Verarbeitungsstationen des Gehirns auf schätzungsweise 200 Milliarden Neurone „streut".
Wir müssen also zugeben, dass wir im Alltag von diesen Prozessen immer noch eine sehr einfache, metaphysische Vorstellung einer wunderbaren cartesianischen Schöpfung 18 haben. Tatsächlich aber können wir nun nach allen Diskussionen von Neurobiologen und Philosophen nicht mehr damit rechnen, dass wir irgendwelche „Bilder" von der Welt im Gehirn haben. Und wenn man von Repräsentationen spricht, um die Vorstellung streng abgegrenzter Bilder aufzugeben, ist man auch nicht weiter, denn man hat nur die Bilder aufgegeben und handelt mit einem ähnlichen Begriff weiter. Es scheint so, als ob wir alle Vorstellungen diskreter Einheiten des Gehirns als Einheiten der wahrgenommenen Welt aufgeben müssen. Es scheint nur ein in jeweils individueller Weise organisiertes, das heißt aufgebautes, konstruiertes neuronales Netz zu geben, mit gewissen Zentren, die für gewisse Funktionen zuständig sind, mit dessen Hilfe unser Verhalten in der Welt organisiert wird; Strukturen, die sensorische, motorische und emotionale Aspekte unseres In-der-Welt-Seins miteinander verbinden. Und die die bisherige Psychologie ernüchternde These des Neurobiologen Gerhard Roth in seinem Buch: „Das Gehirn und seine Wirklichkeit" lautet: „Gehirne [...] können die Welt grundsätzlich nicht abbilden; sie müssen konstruktiv sein, und zwar sowohl von ihrer funktionalen Organisation als auch von ihrer Aufgabe her, nämlich Verhalten zu erzeugen, mit dem der Organismus in seiner Umwelt überleben kann. Dies letztere garantiert, dass die vom Gehirn erzeugten Konstrukte nicht willkürlich sind, auch wenn sie die Welt nicht abbilden [können]" (Roth 1996: 23).
Gehen wir mit dem Wahrnehmungspsychologen J. J. Gibson den Weg der Kritik noch etwas weiter. Er zeigt, dass auch das, was wir uns als Reize bisher vorgestellt haben und was noch oft die Beispiele von Philosophen schmückt, wenn sie über die Wahrnehmung sprechen, bisher völlig unterbestimmt behandelt wurde. In Wirklichkeit leben wir in einer Umwelt, deren Angebote für unsere Wahrnehmung viel reicher sind, als uns von der Philosophie und Psychologie vorgemacht wird. Ein Mensch wird in den seltensten Fällen von einer blauen Fläche gereizt. Dass da ein Reiz auf unsere Netzhaut trifft ist eher ein unglücklicher Umstand - wenn wir dessen überhaupt gewahr werden, indem wir uns dem Blau bewusst zuwenden. Unter normalen Bedingungen wähle ich mit meiner Aktivität, Körperbewegungen, Kopfbewegungen, Bewegungen der Augenmuskeln, die die Augäpfel steuern, durch Pupillen und Linseneinstellung aus, was ich sehe, und das ist meist mehr als „das Blau" dem sich gern Philosophen gegenübersetzen 19: Es sind sehr komplexe Strukturen räumlicher und zeitlicher Ausprägung in verschachtelten Anordnungen. Diese werden durch unsere Erkundungstätigkeit in den verschiedenen Wahrnehmungsmodalitäten (vestibular, haptisch-somatisch, auditiv, olfaktorisch, gustatorisch und visuell) erfahren. Und gewisse Invarianten, Gegenstände und Eigenschaften von Gegenständen als Momente der Welt werden mir erst durch meine Aktivität zugänglich: Zum Beispiel erfahre ich die Qualität, dass ein Gegenstand hinter einem anderen liegt dadurch, dass bei der Bewegung meines Kopfes oder meines Körpers der hinten liegende Gegenstand auf einer Seite aufgedeckt, auf der anderen Seite verdeckt wird. Einen Gegenstand erkenne ich als den, der er ist, indem ich eine hinreichende Menge von Erkundungsbewegungen über dem Gegenstand mache, die ihn mir auf Grund meiner bisherigen Erfahrung als einen solchen erscheinen lassen. Ein Gespräch in einem anderen Raum höre ich dadurch, dass ich mich in diesen Raum bewege, das mürbe Steak erfahre ich in seiner Qualität nur, wenn ich es zerschneide und kaue, das weiche Brot beim Ergreifen und Kauen, die Qualitäten eines Weins nur, wenn ich mich an den Ort bewege, wo ich ihn erhalte, ihn entkorke, in ein Glas gieße, dieses zum Mund führe, trinke - eine sehr komplexe koordinierte Aktivität von Hand-, Kiefer-, Lippen-, Zungenbewegung, Atmung und von ihn im Mund zu bewegen, dabei zu schmecken und zu riechen, zu fühlen. Die wesentliche Aktivität, mit der ich erst einen Gegenstand meines Interesses oder meiner Bedürfnisse an einem Ort aufsuche, ihn identifiziere und ihn mir für meine Zwecke „zurichte" wird als Teil der Erkenntnis ignoriert. Erkenntnis wird damit aber von ihrer Basis getrennt, jener Aktivität, in der der Gegenstand von einem Gegenstand an sich zum Gegenstand für mich wird. Analysiert man mit J. J. Gibson umfassend die Bedingungen für Wahrnehmung in realer Aktivität und Polymodalität, so wird deutlich, wie man die Erkenntnisfähigkeit des Wahrnehmenden und damit eigenes Bewusstwerden über Erkenntnisprozesse „fesselt", werden sie allein aus „visueller Reizung" entstanden gedacht.
Und wenn man etwas konsequenter dem nachgeht, was eine „Reizumwelt" sein könnte, so kann man den Psychologen des Tätigkeitsansatzes (Leontjew 1965) und der Kritischen Psychologie (Holzkamp 1973f) folgen, die zu bedenken gegeben haben, dass der jeweiligen Wahrnehmungsumwelt ebenfalls die menschliche Aktivität vorausgegangen ist, und zwar als gesellschaftliche arbeitsteilige Tätigkeit, die spezifische kulturelle Umwelten hergestellt hat und ständig weiterentwickelt. Dem jeweiligen Individuum ist also die gegenständliche produzierte Umwelt in seiner Entwicklung vorausgesetzt. Diese Umwelt ist etwas Spezifischeres als eine „natürliche" oder „physikalische" Reizumwelt. Sie ist für meine Teilhabe am gesellschaftlichen Lebensprozess wesentlich, ist für mich damit von Bedeutung. Diese Umwelt besteht aus produzierten Gegenständen, die ihre Bedeutung im Prozess der Arbeit gewinnen und im Verhältnis zum spezifischen gesellschaftlichen Prozess der Lebenserhaltung besitzen. Und wenn ich am gesellschaftlichen Prozess teilhaben will, muss ich diese Gegenstände in ihrer Funktion erfassen. Ihre Erfassung ist lebensnotwendig zur Teilnahme, also Aktivität innerhalb der gesellschaftlichen Lebenserhaltung. Was weiß ich, wenn ich weiß, wie ein Faustkeil, eine Drehbank, ein Computer aussieht und ich ihr Abbild im Kopf habe? Ich muss die Gegenstände in ihrer Funktion, in meinem Umgang mit ihnen erfahren haben oder ihre Verwendung wenigstens bei anderen gesehen und gehört etc. haben, um zu „verstehen", was dieser Gegenstand ist und welche tätige Teilnahme am gesellschaftlichen Prozess durch ihn möglich ist.
Bei dem großen Anspruch, der dahinter steckt, wenn man heute Bewusstsein beschreiben und erklären will, muss man also den Menschen möglichst umfassend in den Verhältnissen beschreiben, in denen er sich befindet. Das meint Realismus 20: Wir müssen uns auf eine Ebene begeben, wo wir das Selbstverständliche feststellen. Man muss den Menschen dort beschreiben, wo er in seiner selbst geschaffenen Umwelt durch seine arbeitsteilige Tätigkeit lebt. Und das nicht erreicht zu haben ist das Versäumnis vieler psychologischer Ansätze, die reduktionistisch zum Teil kleinste Teilaspekte beschrieben haben. Diese hat Holzkamp (1977: 172) einmal zurecht als „Letalfunktionen" bezeichnet, da ein Mensch mit dieser kümmerlichen, völlig unzureichenden Ausstattung nicht überleben könne.
In der Kritischen Psychologie Holzkamps (1972f.) und in der Tätigkeitstheorie Leontjews (1973f.) sind für Psychologen auch heute noch jedem bekannte, aber für Psychologen - so sie sich einmal darauf einlassen - noch überraschende Aspekte menschlichen Lebens zu entdecken. So bestimmt die Kritische Psychologie den Menschen zum Beispiel in seiner gesellschaftlichen Lebenstätigkeit, in der arbeitsteilig produziert wird und die produzierten Werkzeuge und Lebensmittel ausgetauscht werden. Hier kommen wieder zwei Aspekte hinein, die - auch wenn wir dies nicht wollen - notwendig einzubeziehen sind, wenn wir das Bewusstsein begreifen wollen. So wie die Wahrnehmung erst durch die Aktivität zu begreifen ist, ist das Bewusstsein zu verstehen, wenn wir es 1. in seiner Funktion sehen und 2. in seiner Rolle in der gesellschaftlichen Aktivität begreifen. Erst wenn die menschliche Lebenstätigkeit, wie die anderer Organismen auch, unter dem funktionalen Gesichtspunkt gesehen wird, dass sie (zumindest) das Überleben sichern muss und dass dies in gesellschaftlichen Strukturen geschieht, kann sich ergeben, was die Funktion des Bewusstseins in diesem Prozess ist.
Hier wird es also notwendig, den funktionalen Zusammenhang zwischen psychischen Prozessen und menschlichem Überleben zu beschreiben: Alle psychischen Mechanismen bis zum Bewusstsein haben - zumindest bisher - eine Aufgabe in diesem Prozess gehabt und sich für diesen Prozess funktional entwickelt. So zum Beispiel auch die Sprache. Bis heute wird sie verkürzt, beliebig als Anhängsel an die Wahrnehmung gesehen, die vorher stattfindet, oder als eine Art von Reizen 21, auf die Menschen reagieren lernen. Auch als „Kommunikationsmittel" wird sie insofern reduziert betrachtet, weil dieser Begriff weder die Funktion, noch organismische Spezifik, noch organismisches Verhalten überhaupt voraussetzt, ja so unspezifisch ist, dass er auch für den Austausch von Daten zwischen Computern herhalten kann. Und wenn wir dies dann als menschliche Sprache und Bewusstsein missverstehen, können wir das Projekt der Enträtselung des Bewusstseins aufgeben.
Im kognitivistischen Paradigma geht man also davon aus, dass wir die „Welt" (jene um andere Individuen und die Reizumwelt in ihren polymodalen Qualitäten und selbst um unsere eigene Aktivität reduzierte „Welt") in den „richtigen" Einheiten, in Kategorien „sehen" (weiter reicht meist die Vorstellung von Wahrnehmung nicht aus) und an diese „Reize" zur Kommunikation ein sprachliches Etikett anheften, damit man sie speichern und, wenn sie gerade nicht anwesend sind, über sie sprechen kann. Aber wenn ein Kind einen Computer das erste Mal sieht, wie kategorisiert es? Welche „richtigen" Eigenschaften, Features, „sieht" es, und woran hängt es sein Etikett „Computer", wenn überhaupt jemand da ist, der ihm das sagt und eventuell durch eine Geste begleitet, was „weiß" es von einem Computer, wenn es „Computer" sagen kann? Hier zeigt sich, wohin das Auseinanderreißen von Wahrnehmung und Aktivität führt: Zumindest zu einer völlig unzureichenden Behandlung der Sinnesmodalitäten, wobei die haptisch-somatische Wahrnehmung - die am engsten mit der Aktivität verbunden scheint - stets stiefmütterlich behandelt wird. Wir können gerade einmal ein paar jener über zwei Jahrzehnte ausgiebig behandelten sogenannten „Features", Merkmalen in der visuellen Wahrnehmung eines Stuhls aufzählen, wir sind jedoch kaum in der Lage, alle unsere haptisch-somatischen „Features", durchaus wirkliche Erfahrungen mit dem Stuhl, anzugeben. Der Umgang mit unserer gegenständlichen Umwelt ist aber ein praktischer, und wir „erfahren" auch und gerade über unsere Aktivität und die haptisch-somatischen Wahrnehmungen Entscheidendes über die Welt. Also ist auch die sinnliche Erfahrung aus dem Umgang mit Gegenständen, wie dem Hammer oder dem Computer, durchaus entscheidend für Wissen und Erfahrung der Welt.
In der Aktivität und der damit verknüpften polymodalen, damit auch haptisch-somatischen Wahrnehmung werden vor allem auch die nicht unwesentlichen Erfahrungen über einen Gegenstand an seinem Ort gewonnen, meine Erfahrung aufgebaut, wie der praktische Umgang mit einem Gegenstand ist und wo ich diesen Gegenstand finde beziehungsweise wie ich ihn nutzen kann.
Und dass wir ohne Aktivität den Gegenstand noch nicht einmal sehen können, ist den Philosophen oder den kognitivistischen Psychologen bis heute nicht verständlich. Die Reduktion der Wahrnehmung um die Aktivität wird schon durch das Bild deutlich, dass der Philosoph für die Wahrnehmung einen Stuhl braucht. Paul Klee (1920: 63) erklärt es uns:
„Sagt nicht Feuerbach, zum Verstehen eines Bildes gehöre ein Stuhl? Wozu der Stuhl?
Damit die ermüdenden Beine den Geist nicht stören. Beine werden müd vom langen Stehen."
Aber die Aktivität der Beine hat den Sehenden an den gewünschten Ort gebracht, und die Aktivitäten des Körpers hören beim Sehen nicht auf, ständig ist selbst beim Sitzenden die Körper-Kopf-Auge-Koordination sensorisch und motorisch zu sichern. Klee (1920: 62f.) fällt hier aber nicht auf die philosophische Stillegung unserer Wahrnehmung herein, er will uns nur die Menge der Aktivitäten, der Koordinationen reduzieren, um das Sehen zu erleichtern. Er ist durchaus der Auffassung:
„Bewegung liegt allem Werden zugrunde. [...] Auch des Beschauers wesentliche Tätigkeit ist zeitlich. Der bringt Teil für Teil in die Sehgrube, und um sich auf ein neues Stück einzustellen, muß er das alte verlassen. Einmal hört er auf und geht; wie der Künstler. Hält er's für lohnend kehrt er zurück; wie der Künstler.
Dem gleich einem weidenden Tier abtastenden Auge des Beschauers sind im Kunstwerk Wege eingerichtet [...]. Das bildnerische Werk entstand aus der Bewegung, ist selber festgelegte Bewegung und wird aufgenommen in der Bewegung (Augenmuskeln)." 22
Wir haben in unserer Entwicklung eine höchst komplexe Motorik entwickelt, damit wir überhaupt sehen können. Kaum jemandem 23 ist jemals bewusst, dass wir gelernt haben zu sehen, nämlich unsere Bewegungen des Körpers, Kopfbewegungen, unsere Augenbewegungen zu steuern, damit wir überhaupt das sehen, was wir sehen wollen. Gibson (1966) hat das in aller Eindringlichkeit dargestellt. Allein beim Sehen mit einem Auge (wenn Sie sich darauf einmal beschränken wollten – ohne weitere Körperbewegungen wären Sie allein bei dieser Behinderung schon sehr unglücklich) sind folgende zehn Muskeln (M.) beteiligt:
Für die Steuerung der Iris-Öffnung entsprechend der Lichtintensität: Musculus sphincter pupillae, M. dilatator pupillae; für die Steuerung der Linsenkrümmung - in Abhängigkeit von der Irisöffnung - zur Nah- oder Fernsicht: M. ciliaris (aus M. tensor chorioidae: Brückescher Muskel- und Fibrae circulares - Müllerscher Ringmuskel - bestehend); weiterhin für die Bewegung des Augapfels die Musculi bulbi (M. rectus medialis, M. rectus lateralis, M. rectus superior, M. rectus inferior, M. obliquus superior, M. obliquus inferior). 24
Denn was weiß ich vom Gegenstand in seinen oft beschriebenen Features (meist nur aus der visuellen Modalität), wenn ich nicht weiß, wo er sich befindet, wie ich ihn erreiche, wie ich mit ihm umgehen kann? 25 Zumindest entstehen hier in der Aktivität Wahrnehmungen als motorisch-sensorische Resultate, die unsere Wahrnehmung der Welt erst ausmachen. So erweist sich zum Beispiel, dass auch eine Einschränkung meiner gewohnten Bewegungsfähigkeiten zu einer Einschränkung meiner Wahrnehmung und, bei extremen Fällen (Locked-In-Syndrom), zu einem völlig unwirklichen Erleben der Welt in zuweilen rauschhaften Zuständen führt (Bauby 1998). Logisch, systematisch und funktional steht die Frage, was die Wahrnehmung des Gegenstandes ohne die Wahrnehmung im Umgang mit ihm und an seinem Ort sein soll. Nehmen wir von einem Gegenstand die Anteile des unseres Umgangs mit ihm weg, wird er „für uns" unwirklich und wir unglücklich. Oder sind Menschen nicht oft unglücklich, wenn sie „wissen", wie ein Gegenstand aussieht, aber nicht wissen, wie man ihn gebraucht (die neue Fernbedienung), wo er sich befindet (der Schlüssel) oder wie man ihn erlangen kann (zum Beispiel das Haus am Meer)?
Selbst im Schlaf ist die enge Verknüpfung von Motorik und Sensorik nicht aufgehoben. In der Schlafforschung werden unsere Traumphasen, von denen wir in jeder nach mehrere durchleben, als REM-Phasen (Rapid Eye Movements) bezeichnet, Phasen, die dadurch identifiziert werden können, dass schnelle Augenbewegungen messbar sind. Wie wir wissen, treten in diesen Traumphasen - je nach Eindringlichkeit - auch Sprechbewegungen und - wie auch bei Haustieren zu beobachten - Bewegungen zum Beispiel der Extremitäten auf. So wird deutlich, dass selbst wenn wir träumen, wir nicht Bilder imaginieren, sondern Einheiten spezifischer - im Traum nur angedeuteter - Aktions- Erkundungs- und Kommunikations-Bewegungen und deren sensorische Resultate. 26
Es ist schwer, nicht immer wieder in die hier angelegte Dualität der Trennung von dem, was man als „Wahrnehmung" (aus dem visuellen, seltener schon aus dem auditiven, olfaktorischen, gustatorischen System) bezeichnet und jenem entscheidenden, aber vernachlässigten Ausgangspunkt aller Wahrnehmung in der Tätigkeit zu verfallen. Hier entsteht unser Leib-Seele-Dualismus, das Problem, das seit jeher die Philosophie quält: indem man die Aktivität des „Leibes" von den Wahrnehmungen der „Seele" trennt. Vielleicht ist es deshalb besser, von Erfahrungen mit Gegenständen zu sprechen, worunter stets eine Einheit von Aktivität und Wahrnehmung gemeint sein soll. 27
Wie schon Marx und Engels vermuteten, ist wohl der Zusammenhang von Aktivität und Wahrnehmung deshalb so lange von der Psychologie übersehen worden, weil die philosophische Tätigkeit im Elfenbeinturm so weit von materieller Produktion entfernt war und man sich über die wirklichen Voraussetzungen menschlicher Existenz täuschte. 28 Und die Arbeitspsychologie, wo Aktivität einmal ernsthaft Gegenstand wird, ist ja auch wieder ein begrenztes und auch sehr junges Teilgebiet der Psychologie. 29
Aber auch die „Arbeit des Menschen an seinem Gegenstand" wird stets unterbestimmt. Auch hier erzeugen wir eine Illusion, wenn wir das Individuum dem Gegenstand allein, einsam, gegenüberstellen. Die Sozialität vieler, wenn nicht der meisten Wahrnehmungssituationen bleibt neben der Beschreibung der Aktivität und der multimodalen Situation, in der der Umgang mit einem Gegenstand erlernt wird, häufig unberücksichtigt. Sicher gibt es Situationen, in denen wir allein, mit dem schon erworbenen Vorrat an Strategien einer Problemsituation gegenüberstehen. Aber das ist nicht typisch, nicht charakteristisch für menschliche Tätigkeit und insbesondere untypisch für den Erwerb neuer Fähigkeiten. Vielfach sind wir gerade deshalb zum Beispiel mit einem neuen Computer unglücklich, weil wir keinen „Support", keine Unterstützung durch andere Menschen, eine entsprechende Software oder ein Handbuch erhalten. Spezifisch menschlicher Umgang mit den meisten Gegenständen und Verhältnissen wird im allgemeinen unter Anleitung und in Begleitung von anderen Menschen gelernt oder zumindest durch deren schriftliche Hinweise geleitet. Und so gehen auch diese „Reizbedingungen", also Aktivitäten, Sprechen und Werten der anderen beteiligten Menschen, in die Erfahrung mit Gegenständen ein, wie sie für unser Gehirn neuronale Realität gewinnen. 30 Und selbst wenn es etwas scheinbar so Einfaches wie ein „Stuhl" ist, so sind die multimodalen Erfahrungen aus der Aktivität mit ihm, in einer Situation sowohl visuell durch Farben und Strukturen, Größe, als auch haptisch-somatisch, durch scheinbare Temperatur des Materials (Holz, Metall), durch Härte oder Elastizität, Oberflächenstruktur, für ein Kind eventuell auch durch Geschmack und Geruch (soweit es an ihm nagt) gegeben. Wesentlich sind aber auch die Aktivitäten der anderen Menschen mit diesem Gegenstand und die Laute, Worte, die sie dabei produzieren. Warum wird dieser auditive Aspekt der Situation mit einem Gegenstand übersehen? Ist diese Modalität von geringerer Bedeutung als die anderen? Sie ist ein wesentliches, nämlich eines der sozialen Momente der Steuerung unserer Erfahrung in einer Situation.
Das heißt, erst wenn wir Menschen im Zusammenhang mit ihren Lebenstätigkeiten in den Prozessen einer arbeitsteiligen Gesellschaft beschreiben wollen, wird es notwendig, psychische Funktionen, Wahrnehmung, Sprechen, Denken, Bewusstsein in ihrer funktionalen Beziehung zu betrachten. Und erst davon ausgehend wird es auch möglich zu beschreiben, wie Menschen in der Lage sind, ihre Tätigkeiten mit denen anderer Menschen in komplexer gesellschaftlicher Arbeitsteilung zu koordinieren und deren Produkte und Leistungen auszutauschen. Worüber man gemeinsame Tätigkeiten koordiniert, ist dann auch nicht eine „Reizumwelt" oder eine „natürliche" oder „physikalische" Umwelt oder ein „Meer von Informationen", sondern produzierte oder zu produzierende oder auszutauschende oder zu denkende Gegenstände im menschlichen Gebrauch. Und mit dieser Funktionalität gibt es erst Bewertung als Bedeutung, ein typisches Bewusstseinsphänomen, das die soziale und sozialisierte Wahrnehmung des Menschen charakterisiert. Und diese Bedeutung existiert nur in einer wesentlich kulturellen sozialen Umwelt für mich als Teilnehmer am sozialen Leben.
Erst über die Bestimmung der Spezifik der menschlichen Lebenstätigkeit kann deutlich werden, was an psychischen Prozessen, an Wahrnehmung, Denken und Sprache und Bewusstsein spezifisch menschlich ist, was sie von Informationsaufnahme, -verarbeitung und -austausch zwischen Computern oder von der Wahrnehmung und den Signalen anderer Organismen unterscheidet - obwohl sich unsere Gehirne nicht so grundlegend von denen anderer Primaten unterscheiden (Roth 1999).
6____Abstraktionen um Sprache und Kategorisierung
Die Sprachwissenschaft ist in diesem Jahrhundert durch den Strukturalismus Ferdinand de Saussures geprägt. Man versuchte, Sprache als synchrone Struktur im Gegensatz zu diachronen, historischen Sprachbeschreibungen zu bestimmen. Die strukturellen Beschreibungen fanden in dem an der Computerverarbeitung und -generierung von Sprache orientierten Modell von Chomsky 31 ihren Höhepunkt. Sie fanden alle ihre Grenzen darin, dass sie die Beziehung zur Semantik nicht bestimmen konnten, zum Ursprung der Kategorisierung unserer Wahrnehmung. In waghalsigen Konstruktionen mussten sie Brücken über die Lücken der Erklärung bauen, identische Wörterbücher im Kopf annehmen wie de Saussure, einen angeborenen Spracherwerbsmechanismus (Language acquisition device) wie Chomsky. In dessen Folge hat Lenneberg (1967) mit seinen „Biologischen Grundlagen der Sprache" am schönsten den Spracherwerb aus der Sicht eines Nativisten beschrieben. Seine Argumentation 32 geht so:
„(1) Sprache ist die Manifestation artspezifischer kognitiver Merkmale. Sie ist die Folge der biologischen Besonderheiten, die die menschlichen Formen der Kognition ermöglichen."
Und in einer Fußnote dazu, wo er sich gleichzeitig schämt und rechtfertigt:
„Es ist richtig, dass diese Formulierung einige schwierige Probleme in die Evolutionstheorie einführt, aber unsere Präokkupation mit der Sprache kann uns nicht nötigen, gleichzeitig die allgemeinen Probleme zu lösen, die alle Evolutionsphänomene betreffen. Das Auftreten der Himmelsnavigation bei Vögeln oder der Tauchfähigkeiten von Walen ist nicht weniger geheimnisvoll als das Auftreten einer spracheermöglichenden Kognition."
Und weiter: „(2) Die der Sprache zugrunde liegende kognitive Funktion besteht in einer eines (unter Wirbeltieren) ubiqitären 33 Prozesses der Kategorisierung und Extrahierung von Ähnlichkeiten. Die Perzeption und Produktion der Sprache lässt sich auf allen Ebenen auf Kategorisierungsprozesse reduzieren, einschließlich des Subsumierens enger Kategorien unter umfassendere und der Unterteilung umfassender Kategorien in spezifischere. Die Extrahierung von Ähnlichkeiten bezieht sich nicht nur auf physikalische Stimuli, sondern ebenso auf Kategorien zugrunde liegender struktureller Schemata. Wörter benennen Kategorisierungsprozesse." 34
Wir haben also als Mitglieder der Spezies angeborene Kategorisierungen, die es uns ermöglichen, die Welt in den "richtigen" Einheiten zu sehen, wie sie Menschen eben sehen sollen. Die Wörter benennen also nur unsere richtige Kategorisierung? Searle kritisiert die bis heute immer wieder entstehende Auffassung bei Fodor, der ebenfalls in der Folge Chomskys eine Theorie von Sprache und Denken vorgelegt hat:
„Eine weitere unglaubliche Behauptung [...] besagt, dass jeder von uns bei seiner Geburt über all die Begriffe verfügt, die sich mit irgendwelchen Worten einer beliebigen menschenmöglichen Sprache ausdrücken lassen. Demnach verfügten zum Beispiel Cro-Magnon-Menschen über die Begriffe, die von dem Wort ‚Vergaser‘ oder ‚Kathodenstrahloszillograph‘ ausgedrückt werden. Fodor (1975) ist der berühmteste Vertreter dieser Auffassung." 35
Zuerst die „richtige" Kategorisierung, danach die Sprache. Aber wir brauchen dazu nicht in die Kramkiste der Linguisten zu greifen. Bei den modernen Philosophen haben wir vielfach die gleiche Position. Zum Beispiel bei Davidson (1993), wenn er in einem Interview erklärt:
„Die Menschen sind auf solch eine Art gebaut, dass sie gezwungen sind, auf gewisse Reize zu reagieren. Nun betrachten wir dies Schritt für Schritt. Ein lautes Geräusch tritt auf, ich schrecke auf. Aber ich würde nun nie etwas lernen, wenn es nicht so wäre, dass über die Zeit verschiedene Ereignisse existierten, auf die ich in der gleichen Weise reagiere. Wenn ich ein zweites lautes Geräusch höre schrecke ich wieder auf. Ich klassifiziere Dinge. Und andere Menschen klassifizieren Dinge mehr oder weniger in der gleichen Weise. So weit ist das alles trivial und offensichtlich. Ebenso offensichtlich ist es, dass es so etwas wie die Sprache nicht gäbe, wenn das nicht für verschiedene Menschen wahr wäre."
„Eine Bedingung ist für Kommunikation vorauszusetzen. Wir beginnen mit dem Korellieren und erhalten etwas, was ich als Konzeptualisierung oder Denken bezeichnen würde. Wenn wir das Gefühl haben, dass irgendeine Kiste ein lautes Geräusch macht, beginnen wir, auf diese Kiste zu reagieren, ebenso wie wir auf das laute Geräusch reagieren: Wir entfernen uns von ihm oder werfen es aus dem Fenster, ebenso wie wir uns von Herden entfernt halten, weil wir lernen, dass wir uns verbrennen können. Also tun wir Dinge zusammen. Ebenso wie ich die Kiste mit dem Geräusch, den Herd mit der Hitze, kann ich die Reaktionen anderer Menschen mit den Dingen verbinden, auf die ich direkt reagiere. Nun haben wir eine Dreiecksbeziehung in Gang gesetzt [...]. Die Dreiecksbeziehung besteht aus zwei Menschen und einem gemeinsamen Reiz, obwohl ich die Konzeptualisierung nicht erklären kann, ist sie trotzdem eine notwendige Bedingung für Kommunikation, und ich denke, es ist eine notwendige Bedingung dafür, was jeder Konzeptualisierung nennen würde: Begriffe und Gedanken. Denken ist zwischenmenschlich von Anbeginn". 36
Der Schritt Davidsons zur Einbeziehung eines zweiten Individuums in den Prozess der sprachlichen Konzeptualisierung ist von größter Bedeutung für die Philosophie, um von der meist solipsistisch angelegten philosophischen Betrachtung des Denkens zu dem zu kommen, was menschliches Bewusstsein ist. Aber dass auch hier wieder der Reiz als Ausgangspunkt genommen wird und die Konzeptualisierung in „irgendwie identischer Weise" erfolgt, ist das Begrenzte dieser Sichtweise.
Und auch wenn wir einen Unterschied zwischen Davidson und Lenneberg machen, wir könnten unsere „Erklärung" des Verhältnisses von Sprache und Denken oder Kategorisierung aufgeben wie Lenneberg: „Wenn Sprache ein Aspekt eines grundlegenden, biologisch determinierten Prozesses ist, so ist es wissenschaftlich so wenig sinnvoll, nach einer Ursache der Sprachentwicklung im wachsenden Kinde zu suchen, wie es sinnvoll ist, nach einer Ursache für die Entwicklung seiner Ohren zu suchen" (1967: 458).
Fassen wir noch einmal einige Abstraktionen zusammen, in denen begründet liegt, warum das Verhältnis von Sprache und Wahrnehmung und damit ein wesentliches Verhältnis für die Erklärung des Bewusstseins bisher unterbestimmt behandelt wurde. 37
| 1. | Menschliches Erkennen sei passive Aufnahme von Reizen; Reize seien als physikalische zu beschreiben. |
| 2. | Menschliches Erkennen produziere Abbildungen im Kopf. |
| 3. | Menschliche Wahrnehmung sei ohne Verständnis der aktiven Anteile der Wahrnehmung zu verstehen. |
| 4. | Menschliches Erkennen sei als organismisches Erkennen zu beschreiben. |
| 5. | Menschliches Erkennen sei in Analogie zum Information-Processing eines rein strukturell, syntaktisch funktionierenden Computers zu verstehen. |
| 6. | Menschliches Erkennen sei ein in den Individuen gegebener identischer Prozess der Kategorisierung. |
| 7. | Menschliche Wahrnehmung sei Wahrnehmung eines Individuums, das allein seinem Gegenstand gegenübersteht. |
| 8. | Menschliches Erkennen könne modelliert werden, ohne die menschliche Tätigkeit in einer gesellschaftlichen Umwelt zu bestimmen. |
| 9. | Menschliches Erkennen müsse nicht funktional bestimmt werden. |
| 10. | Menschliche Umwelt bestehe aus Informationen. |
| 11. | Menschliche Sprache bestehe aus Abbildungen der Welt. |
| 12. | Menschliches Sprechen sei als organismisches Signalisieren oder als maschineller Datenaustausch zu beschreiben. |
| 13. | Menschliches Erkennen sei ohne Sprache zu verstehen. |
| 14. | Menschliche Psyche sei strukturell, ohne Betrachtung ihrer Geschichte (Phylogenese, historische Entwicklung und Ontogenese) zu verstehen. |
____Hinweis
Anmerkungen, Anregungen und Fragen bitte direkt an Dr. Jürgen Messing messing@messing.IN-Berlin.de.
____Anmerkungen
| 1 | Gibson (1966) S. 54f. zurück |
| 2 | Engels (1883), S. 502. zurück |
| 3 | Vgl. Holzkamp (1972). zurück |
| 4 | Vgl. Wygotski (1934), S. 8ff. zurück |
| 5 | Goethe (1808), S. 57. zurück |
| 6 | Der einzige Wahrnehmungspsychologe, der eine empirische Analyse der menschlichen Umwelt unter dem Gesichtspunkt der „Wahrnehmungsangebote für aktive Menschen" wirklich einmal exemplarisch durchgeführt hat, ist J. J. Gibson (1966, 1979) s.u. Vgl. auch Merleau-Ponty (1945) "Phänomenologie der Wahrnehmung", wo eine nicht reduktionistische Beschreibung menschlicher Wahrnehmung versucht wird. zurück |
| 7 | Vgl. Marx (1858) in seinen methodologischen Reflexionen zur Kritik der Politischen Ökonomie in der Einleitung, S. 7, und Ausführungen zur Methode der Politischen Ökonomie, S. 21ff. zurück |
| 8 | Dies muss auch als Kriterium für die vorliegende Arbeit gelten, bei der die bestimmenden Momente von menschlicher Wahrnehmung, Sprache und Bewusstsein „verständig" abstrahiert werden müssen, um zu einem Erkenntnisfortschritt zu gelangen. zurück |
| 9 | Ausgenommen in Filmen wie „2001: Odyssee im Weltraum"(1965-1968) von Stanley Kubrick. zurück |
| 10 | Vgl. Dreyfus (1972). zurück |
| 11 | Mehrfach dargestellt, z.B. in Searle (1996). zurück |
| 12 | Platon (1978), Der Staat, 7. Buch. Zu einer aktuellen Analyse des Höhlengleichnisses vgl. Strobach (1998). zurück |
| 13 | Platon (1978); dabei lässt Platon den Menschen sogar noch eine gewisse Sozialität und sprachliche Anregung zur Kategorisierung, die sie in vielen neueren Theorien gar nicht bekommen. zurück |
| 14 | Zur Problematik des Reizbegriffes vgl. Gibson (1966) und Holzkamp (1972). zurück |
| 15 | Bis zu Chomskys LAD Language Acquisition Device oder UGM Universal Grammar Module. zurück |
| 16 | Hiermit legte de Saussure die Grundlagen der strukturalistischen Sprachwissenschaft, deren Reduktionismus die Linguistik dieses Jahrhunderts beherrscht. zurück |
| 17 | Dies wird auch als das Problem der „Qualia" bezeichnet, das von der Philosophie kommend heute heiß in der Neurobiologie diskutiert wird. zurück |
| 18 | Das wunderbare Auftauchen der Dinge und ihrer Qualitäten aus der Wirklichkeit wird heute als „Emergenz" bezeichnet. Damit wird in Anlehnung an den englischen Metaphysiker Samuel Alexander (1859-1938) das, was aufzuklären wäre, metaphysisch verklärt. zurück |
| 19 | Obwohl es sich schon um eine besondere Leistung des Bewusstseins handelt, sich einer so isolierten Qualität wie „Pink" oder dem „International Klein Blue" gegenüberzusetzen; vgl. Metzinger (1995a: 601ff). zurück |
| 20 | In der philosophischen Diskussion des Bewusstseins taucht diese unterschiedlich begründete Position als Gegenposition zu Materialismus, Physikalismus, Idealismus auf, z.B. bei Searle (1995) und Roth (1996). zurück |
| 21 | Skinner (1957), Verbal Behavior. zurück |
| 22 | Vgl. auch die anschauliche Darstellung der Aktivität der Wahrnehmung in Klee (1921/22: 205): „Das Auge des Aufnehmenden steuert auf die Stelle der Weide, wo das Gras am dichtesten wächst". zurück |
| 23 | Am ehesten im Bereich der Rehabilitation und Betreuung von Behinderten. zurück |
| 24 | Vgl. Voss /Herrlinger (1973); sogar das Hören hat - neben den Körper- und Kopfbewegungen - Aktivitätsanteile im Mittelohr, nämlich die Muskeln zur Regulation der Bewegung der Gehörknöchelchen, M. tensor tympani und des M. stapedius (ebd.). zurück |
| 25 | Dass dann immer noch etwas übrig bleibt, wenn ich abstraktiv von einem „Rotschopf" alle „Features" wegnehme, führt Daniil Charms (1970) vor. Das blaue Heft Nr. 10 Es war einmal ein Rotschopf, der hatte weder Augen noch Ohren. Er hatte auch keine Haare, so dass man ihn an sich grundlos einen Rotschopf nannte. Sprechen konnte er nicht, denn er hatte keinen Mund. Eine Nase hatte er auch nicht. Er hatte sogar weder Arme noch Beine. Er hatte auch keinen Bauch, keinen Rücken, er hatte keine Wirbelsäule, und er hatte auch keine Eingeweide. Nichts hatte er! So dass unklar ist, um wen es hier eigentlich geht. Reden wir lieber nicht weiter darüber. Er zeigt, dass ich selbst dann noch erwarte, dass mit einer sprachlich gegebenen Einheit Bedeutung verknüpft ist, mehr als nur „Features". Der Witz an Charms Beispiel liegt darin, dass er meint, man solle sich - wenn keine Features mehr da sind, von dem Gegenstand abwenden. Eine Umkehrung dessen, was durch das funktionale Apriori (s.u.) mit jedem Wort gefordert wird, nämlich eine Hinwendung der Aufmerksamkeit. zurück |
| 26 | Interessant ist aber auch, dass wir uns nur meist nur dann an einen Traum erinnern können, wenn wir seine Inhalte möglichst unmittelbar nach dem Erwachen mit bewussten Aktivitäten, insbesondere sprachlichen verknüpfen. Dies findet seine Erklärung in den unten ausgeführten Beziehungen zwischen Sprache und Bewusstsein. zurück |
| 27 | Wenn später von der engen Beziehung von Sprache und Sprechbewegung die Rede sein wird, für die es im angloamerikanischen Sprachraum den Begriff einer „Motor Theory" gibt, so kann man hier sagen, dass schon für die Wahrnehmung von einer motorischen Basis auszugehen ist, wir also für alle Erkenntnisprozesse von einer „Motor-Theory of Perception" ausgehen müssen. zurück |
| 28 | „Man kann die Menschen durch das Bewusstsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich selbst von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst" (Marx/Engels 1845, S. 21). zurück |
| 29 | Winfried Hacker (1973) „Allgemeine Arbeits- und Ingenieurpsychologie", in der Folge auch in der Handlungsstrukturanalyse bei Volpert (1974). zurück |
| 30 | In den beteiligten Individuen liegt eine durchaus bekannte Ursache des manchmal gestörten Verhältnisses zu Gegenständen oder Gegenstandsbereichen oder für die geringe Motivation, sich einen Bereich anzueignen, wenn die vermittelnden Personen eine negative emotionale Situation für den Aneignenden schaffen: Wer hatte nicht auch solche Lehrer, die ihm einen Gegenstandsbereich eher verschlossen als erschlossen haben ... zurück |
| 31 | Chomsky (1965). zurück |
| 32 | Lenneberg (1967), S. 455ff.: Entwurf einer biologischen Theorie der Sprachentwicklung, II. Eine kurze Darstellung der Theorie. zurück |
| 33 | D.h. „überall verbreiteten"; J. M.. zurück |
| 34 | Lenneberg (1967), S. 456. zurück |
| 35 | Searle (1992), S. 276. zurück |
| 36 | Übersetzung: J. M.; Original: „People are built in such a way that they are caused to react to various stimuli. Now we can take that one at a time, so to speak. A loud noise goes off, I recoil. But now I would never learn anything if it weren't the case that there are different events over time which I react to in the same way. When I hear a second loud noise I recoil again. I'm classifying things. And other people classify things in the same ways, more or less. So far all of this is trivial and obvious. Something that is equally obvious is that there would be no such thing as language if this weren't true of different people. One condition is necessary for communication. We start correlating and get something that I would call conceptualization or thought. If we find that some box makes a lot of noise, we'll start reacting to the box as we do to the loud noise: we'll stay away from it or throw it out the window, just as we stay away from stoves because we learn that we can burn ourselves. So we put things together. Just as I can correlate the box with the noise, the stove with the heat, so I can correlate the other person's reactions with the things that I react to directly. Now we've got the triangle going. We're not saying anything about conceptualization, which I say is necessary, though certainly not sufficient for communication [...]. The triangle consisting of two people and a shared stimulus, though it can't explain conceptualization, nevertheless is a necessary condition for communication, and I think it's a necessary condition for what anyone would call conceptualization: concepts and thoughts. Thought is interpersonal from the start." Davidson (1993); vgl. auch Davidson (1988, 1989). zurück |
| 37 | Es gibt noch weitere Verkürzungen, wie die erwähnte Reduktion auf Kognition ohne Emotion (Roth 1996: 211), deren umfassendere Diskussion aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. zurück |
____Literatur (des Buchs „Allgemeine Theorie der menschlichen Wahrnehmung")
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