Schlußfolgerndes Denken bei Aphasie -
Ein Beitrag zum Zusammenhang von Sprache und Denken

Anke Werani

Die psycholinguistische Thematik des Zusammenhangs zwischen Sprache und Denken [1] wird im Bereich der Aphasiologie immer wieder thematisiert [2]. Fraglich ist, ob bei Aphasikern tatsächlich nur sprachsystematische oder auch sprachunabhängige kognitive Leistungen beeinträchtigt sind. Diese Frage wurde bereits zu Beginn der Aphasieforschung von Broca [3] und Laborde [4] diskutiert. Broca behauptete, es handele sich um eine rein sprachliche Beeinträchtigung, und die Intelligenz sei bei diesen Patienten nicht betroffen, während Laborde diese Annahme bezweifelte. Bis heute hält diese Kontroverse an [5], und trotz zahlreicher Untersuchungen steht eine umfassende Theorie immer noch aus.
Beobachtungen in der Praxis zeigen, daß Aphasiker oftmals trotz erheblicher Defizite ein gutes Rehabilitationspotential aufweisen, bei weniger beeinträchtigten Patienten können dagegen oft wider Erwarten keine maßgeblichen Erfolge in der Therapie erzielt werden. Eine Beeinträchtigung im schlußfolgernden Denken könnte neben anderen kognitiven Defiziten eine Erklärung für den stockenden Therapieverlauf bieten. Das schlußfolgernde Denken enthält bekanntermaßen Leistungen wie Problemanalyse, Strategien ableiten und anwenden, die für den sprachtherapeutischen Rehabilitationsprozeß von großer Relevanz sind. Sollten sich diese Annahmen bestätigen, müßten wesentliche Veränderungen in den rehabilitativen Maßnahmen erfolgen, um trotz dieser kognitiven Defizite sprachtherapeutische Erfolge zu gewährleisten. Diese Überlegungen führten zu dem im folgenden vorgestellten Projekt "Schlußfolgerndes Denken bei Aphasie".

Ziel

Ziel des Projektes ist es, festzustellen inwieweit sprachunabhängige kognitive Leistungen als Prognosefaktor für den Rehabilitationserfolg bei Aphasien dienen können. Dafür wird die Rolle schlußfolgernder Denkleistungen bei Aphasien überprüft. Ferner wird versucht, den Zusammenhang zwischen Sprache und Denken durch Evidenzen aus der Pathologie zu erhellen.

Konzeption

Bei der Durchführung des Projekts wird der Verbal and Spatial Reasoning Test (VESPAR) [6] verwendet, der das schlußfolgernde Denken bei Erwachsenen mit hirnorganischen Erkrankungen untersucht. Er besteht aus einem verbalen und einem nonverbalen Teil mit jeweils drei Subtests: Der erste Subtest überprüft das Ausschließen von Wörtern/Objekten, der zweite Subtest untersucht verbale/nonverbale Analogien und im dritten Subtest müssen verbale/nonverbale Reihen ergänzt werden. In der Handanweisung wird explizit geäußert, daß sich der nonverbale Teil zur Untersuchung von Aphasikern eignet. Für die spezifische Fragestellung dieses Projekts wurde der verbale Teil des Tests übersetzt; er wird in einer Forschungsversion Anwendung finden.
Darüber hinaus wird ein Verfahrensvergleich angestrebt. Deshalb werden alle Patienten zusätzlich mit den Raven-Matrizen [7] untersucht. Bei den Raven-Matrizen handelt es sich um ein seit vielen Jahren bewährtes Testinstrument zur Erfassung sprachfreier Intelligenz. Im Gegensatz zum verhältnismäßig neu entwickelten VESPAR wurden die Raven-Matrizen jedoch nicht speziell für Patienten mit hirnorganischen Beeinträchtigungen konstruiert.

Bei allen Aphasikern wird im Rahmen der klinischen Aphasie-Standarddiagnostik der AAT [8] durchgeführt. Zusätzlich werden klinisch bewährte neuropsychologische Verfahren eingesetzt und damit die Bereiche Händigkeit, visuelle Wahrnehmung und Exploration, kurzfristiges Behalten visuellen Materials, Alertness, selektive und geteilte Aufmerksamkeit sowie Zahlenverbarbeitung überprüft. Die eigentliche Forschungsdiagnostik umfaßt das verbale und nonverbale Schlußfolgern sowie die sprachfreie Intelligenz; dazu erfolgt eine Erstuntersuchung mit dem VESPAR und den Raven-Matrizen sowie nach einer ca. zehnwöchigen sprachtherapeutischen Intervention eine Folgeuntersuchung mit der gesamten Testbatterie.
Die Daten werden bei Aphasikern mit unterschiedlichem Schweregrad und bei zwei Kontrollgruppen (Patienten mit hirnorganischen Schädigungen ohne sprachsystematische und neuropsychologische Beeinträchtigungen sowie gesunde Probanden) erhoben.

Zusammenfassend wird mittels nonverbaler Testung versucht, ein "kognitives Leistungsniveau" bei Aphasikern zu bestimmen, welches eine wichtige Einflußgröße für den Rehabilitationsverlauf darstellen könnte. Demzufolge würden gute schlußfolgernde Denkleistungen das sprachtherapeutische Fortkommen positiv unterstützen, während schlechte schlußfolgernde Denkleistungen das sprachtherapeutische Potential negativ beeinflussen. Letztere wären von zentralem Interesse, da bei Bestätigung dieser Annahmen wesentliche Veränderungen in den rehabilitativen Maßnahmen erfolgen müßten, um trotz dieser kognitiven Defizite sprachtherapeutische Erfolge zu gewährleisten.

Kooperation

An diesem Projekt sind folgende Personen und Institutionen beteiligt:
Dr. A. Werani und Prof. Dr. G. Kegel (Sprechwissenschaft & Psycholinguistik am IPSK, LMU-München),
Dr. J. Radau und Dr. M. Prosiegel (Neurologisches Krankenhaus München e.V.) und
Dr. J. Ilmberger (Klinikum Grosshadern, Klinik für Physikalische Medizin und Rehabilitation, LMU-München)

Literatur

[1] Wygotski, L.S. (1962): Denken und Sprechen. Berlin: Akademie Verlag.
[2] Siegrist, M. (1995): Inner speech as a cognitive process mediating self-consciousness and inhibiting self-deception. Psychol. Rep., 76(1): 259-265.
[3] Broca, P. (1861): Bulletin de la Société d'Anatomie. Remarques sur le siège de la faculté du language articulé, suivies d'une observation d'aphémie. Bull, Sté Anat. Paris, 6, 330-357.
[4] Laborde (1863): Discussion sur la communication de Parrot. Bulletin de la Société d' Anatomie. 8, 423. Quoted by: Ombredane, A. (1951): L'aphasie et l'élaboration de la pensée explicite. P.U.F. (Paris).
[5] Schultz, A.; Huber, W.; Sturm, W.; Fimm, B.; Willmes, K. (1997): Therapie von Aphasien und Aufmerksamkeitsstörungen - Untersuchung über den Einfluß eines Aufmerksamkeitstrainings auf den Erfolg der Sprachtherapie. Vortrag auf der 24. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Aphasieforschung und -behandlung. 6.-8. November 1997. Innsbruck.
[6] Langdon, D.W.; Warrington, E.K. (1995): VESPAR. Verbal and Spatial Reasoning Test. East Sussex (UK). Lawrence Erlbaum Associates Ltd., Publishers.
[7] Kratzmeier,H.; Horn, R. (1988): Standard Progressive Matrices. Weinheim, Beltz Test Gesellschaft.
[8] Huber, W.; Poeck, K.; Weniger, D.; Willmes, K. (1984): Aachener Aphasie Test (AAT). Göttingen: Hogrefe