Die psycholinguistische Thematik des Zusammenhangs zwischen Sprache und Denken [1] wird im Bereich der Aphasiologie immer wieder thematisiert [2]. Fraglich ist, ob bei Aphasikern tatsächlich nur sprachsystematische oder auch sprachunabhängige kognitive Leistungen beeinträchtigt sind. Diese Frage wurde bereits zu Beginn der Aphasieforschung von Broca [3] und Laborde [4] diskutiert.
Broca behauptete, es handele sich um eine rein sprachliche Beeinträchtigung,
und die Intelligenz sei bei diesen Patienten nicht betroffen, während Laborde
diese Annahme bezweifelte. Bis heute hält diese Kontroverse an [5], und trotz
zahlreicher Untersuchungen steht eine umfassende Theorie immer noch aus.
Beobachtungen in der Praxis zeigen, daß Aphasiker oftmals trotz erheblicher
Defizite ein gutes Rehabilitationspotential aufweisen, bei weniger beeinträchtigten
Patienten können dagegen oft wider Erwarten keine maßgeblichen Erfolge
in der Therapie erzielt werden. Eine Beeinträchtigung im schlußfolgernden
Denken könnte neben anderen kognitiven Defiziten eine Erklärung für den
stockenden Therapieverlauf bieten. Das schlußfolgernde Denken enthält bekanntermaßen
Leistungen wie Problemanalyse, Strategien ableiten und anwenden, die für
den sprachtherapeutischen Rehabilitationsprozeß von großer Relevanz sind. Sollten sich diese Annahmen bestätigen, müßten wesentliche Veränderungen in den rehabilitativen Maßnahmen erfolgen, um trotz dieser kognitiven Defizite sprachtherapeutische Erfolge zu gewährleisten.
Diese Überlegungen führten zu dem im folgenden vorgestellten Projekt "Schlußfolgerndes
Denken bei Aphasie".
Ziel
Ziel des Projektes ist es, festzustellen inwieweit sprachunabhängige kognitive Leistungen als Prognosefaktor für den Rehabilitationserfolg bei Aphasien dienen können. Dafür wird die Rolle schlußfolgernder Denkleistungen bei Aphasien überprüft. Ferner wird versucht, den Zusammenhang zwischen Sprache und Denken durch Evidenzen aus der Pathologie zu erhellen.
Konzeption
Bei der Durchführung des Projekts wird der Verbal and Spatial Reasoning
Test (VESPAR) [6] verwendet, der das schlußfolgernde Denken bei Erwachsenen
mit hirnorganischen Erkrankungen untersucht. Er besteht aus einem verbalen
und einem nonverbalen Teil mit jeweils drei Subtests: Der erste Subtest
überprüft das Ausschließen von Wörtern/Objekten, der zweite Subtest untersucht
verbale/nonverbale Analogien und im dritten Subtest müssen verbale/nonverbale
Reihen ergänzt werden. In der Handanweisung wird explizit geäußert, daß
sich der nonverbale Teil zur Untersuchung von Aphasikern eignet. Für die
spezifische Fragestellung dieses Projekts wurde der verbale Teil des Tests
übersetzt; er wird in einer Forschungsversion Anwendung finden.
Darüber hinaus wird ein Verfahrensvergleich angestrebt. Deshalb werden
alle Patienten zusätzlich mit den Raven-Matrizen [7] untersucht. Bei den Raven-Matrizen
handelt es sich um ein seit vielen Jahren bewährtes Testinstrument zur
Erfassung sprachfreier Intelligenz. Im Gegensatz zum verhältnismäßig neu
entwickelten VESPAR wurden die Raven-Matrizen jedoch nicht speziell für
Patienten mit hirnorganischen Beeinträchtigungen konstruiert.
Bei allen Aphasikern wird im Rahmen der klinischen Aphasie-Standarddiagnostik
der AAT [8] durchgeführt. Zusätzlich werden klinisch bewährte neuropsychologische
Verfahren eingesetzt und damit die Bereiche Händigkeit, visuelle Wahrnehmung
und Exploration, kurzfristiges Behalten visuellen Materials, Alertness,
selektive und geteilte Aufmerksamkeit sowie Zahlenverbarbeitung überprüft.
Die eigentliche Forschungsdiagnostik umfaßt das verbale und nonverbale
Schlußfolgern sowie die sprachfreie Intelligenz; dazu erfolgt eine Erstuntersuchung
mit dem VESPAR und den Raven-Matrizen sowie nach einer ca. zehnwöchigen
sprachtherapeutischen Intervention eine Folgeuntersuchung mit der gesamten
Testbatterie.
Die Daten werden bei Aphasikern mit unterschiedlichem Schweregrad und
bei zwei Kontrollgruppen (Patienten mit hirnorganischen Schädigungen ohne
sprachsystematische und neuropsychologische Beeinträchtigungen sowie gesunde
Probanden) erhoben.
Zusammenfassend wird mittels nonverbaler Testung versucht, ein "kognitives Leistungsniveau" bei Aphasikern zu bestimmen, welches eine wichtige Einflußgröße für den Rehabilitationsverlauf darstellen könnte. Demzufolge würden gute schlußfolgernde Denkleistungen das sprachtherapeutische Fortkommen positiv unterstützen, während schlechte schlußfolgernde Denkleistungen das sprachtherapeutische Potential negativ beeinflussen. Letztere wären von zentralem Interesse, da bei Bestätigung dieser Annahmen wesentliche Veränderungen in den rehabilitativen Maßnahmen erfolgen müßten, um trotz dieser kognitiven Defizite sprachtherapeutische Erfolge zu gewährleisten.
Kooperation
An diesem Projekt sind folgende Personen und Institutionen beteiligt:
Dr. A. Werani und Prof. Dr. G. Kegel (Sprechwissenschaft & Psycholinguistik am IPSK, LMU-München),
Dr. J. Radau und Dr. M. Prosiegel (Neurologisches Krankenhaus München e.V.) und
Dr. J. Ilmberger (Klinikum Grosshadern, Klinik für Physikalische Medizin und Rehabilitation, LMU-München)
Literatur
[1] Wygotski, L.S. (1962): Denken und Sprechen. Berlin: Akademie Verlag.
[2] Siegrist, M. (1995): Inner speech as a cognitive process mediating
self-consciousness and inhibiting self-deception. Psychol. Rep., 76(1):
259-265.
[3] Broca, P. (1861): Bulletin de la Société d'Anatomie. Remarques sur
le siège de la faculté du language articulé, suivies d'une observation
d'aphémie. Bull, Sté Anat. Paris, 6, 330-357.
[4] Laborde (1863): Discussion sur la communication de Parrot. Bulletin
de la Société d' Anatomie. 8, 423. Quoted by: Ombredane, A. (1951): L'aphasie
et l'élaboration de la pensée explicite. P.U.F. (Paris).
[5] Schultz, A.; Huber, W.; Sturm, W.; Fimm, B.; Willmes, K. (1997):
Therapie von Aphasien und Aufmerksamkeitsstörungen - Untersuchung über
den Einfluß eines Aufmerksamkeitstrainings auf den Erfolg der Sprachtherapie.
Vortrag auf der 24. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Aphasieforschung
und -behandlung. 6.-8. November 1997. Innsbruck.
[6] Langdon, D.W.; Warrington, E.K. (1995): VESPAR. Verbal and Spatial
Reasoning Test. East Sussex (UK). Lawrence Erlbaum Associates Ltd., Publishers.
[7] Kratzmeier,H.; Horn, R. (1988): Standard Progressive Matrices. Weinheim,
Beltz Test Gesellschaft.
[8] Huber, W.; Poeck, K.; Weniger, D.; Willmes, K. (1984): Aachener Aphasie
Test (AAT). Göttingen: Hogrefe